Wirtschaft und Gesellschaft

Diese Themenansicht bündelt alle Unterkapitel zum Thema «Wirtschaft und Gesellschaft» und reiht sie übersichtlich nacheinander auf – für einen schnellen, themenspezifischen Überblick.

Die höheren Temperaturen haben zu einer geringeren Arbeitsproduktivität geführt, was die Schweiz bereits heute jährlich schätzungsweise rund 665 Millionen Franken kostet.H, 75

Der Tourismus in Berggebieten ist durch den Rückgang der Schneebedeckung im Winter, die Zunahme von Naturgefahren und den stark erhöhten Wasserbedarf für die Kunstschnee-Erzeugung vom Klimawandel betroffen.26, 53, 76, 77, 78 Der erhöhte Wasserbedarf gerät in Konflikt mit der Trinkwasserversorgung53 und der Rückgang der Schneebedeckung zwingt bereits heute tiefer gelegene Skiorte zur Umstrukturierung des Angebots.76

In den vergangenen Jahrzehnten kam es in der Schweiz aus verschiedenen Gründen zu einer Zunahme von Schadenfällen und -kosten, die durch Wetterextreme verursacht wurden.79, 80, 81 Grund für diese hohen Kosten sind vorwiegend sozioökonomische Faktoren wie die Zunahme der versicherten Werte und deren Verwundbarkeit, z. B. durch Bauten in Gefahrengebieten.79

Ein weiterer Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft sind klimabedingte Schäden an Produktionsstätten im Ausland und damit verbundene Produktionsrückgänge oder Unterbrechungen von Lieferketten.74

WIRTSCHAFT

Die Berechnung der Kosten des ungebremsten Klimawandels ist aufgrund physikalischer und sozioökonomischer Unsicherheiten sowie der hohen Komplexität des betrachteten Systems sehr schwierig. Zwar existieren ökonomische Modelle,N die Anpassungen an den Klimawandel berücksichtigen und umfassende Kostenschätzungen ermöglichen, doch sind diese Schätzungen mit grossen Unsicherheiten behaftet und oft nur eingeschränkt auf die Schweiz übertragbar. Verlässliche, vollständig schweizspezifische Kostenschätzungen, die sämtliche direkten und indirekten Effekte sowohl des ungebremsten Klimawandels, als auch spezifischer Gegenmassnahmen einbeziehen, liegen bislang (beim Abschluss dieses Berichts) nicht vor. Kostenschätzungen sind aber möglich, wenn der Fokus auf spezifische Aspekte oder Sektoren gelegt wird und alle weiteren Aspekte ausser Acht gelassen werden (siehe nächster Absatz). Zur Interpretation dieser Kostenschätzungen ist jedoch das Wissen über ihre Einschränkungen und die getroffenen Annahmen zwingend erforderlich.

Der Bundesrat stützt sich in seiner langfristigen Klimastrategie auf eine Studie, welche die Kosten des Klimawandels auch explizit für die Schweiz berechnet.194 Gemäss dieser Studie können die gesamtwirtschaftlichen Kosten eines ungebremsten Klimawandels in der Schweiz bereits im Jahr 2050 bei über 4 % des BIP liegen bzw. 38 Mrd. CHF pro Jahr betragen. Im Falle einer Stabilisierung der durchschnittlichen globalen Oberflächentemperatur auf 2 °C verringern sich diese Kosten auf 1,5 % des BIP bzw. 14 Mrd. CHF pro Jahr. Da jedoch nur die Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum betrachtet werden und alle Einflüsse auf Mensch und Natur nicht berücksichtigt sind, werden dabei die Gesamtkosten des Klimawandels systematisch unterschätzt.

Obwohl sich die Gesamtkosten eines ungebremsten Klimawandels nicht eindeutig beziffern lassen, ist auf globaler Ebene davon auszugehen, dass sie höher sind als die Kosten für eine Eindämmung des Klimawandels gemäss dem Übereinkommen von Paris.186, 240 (Ch. TS.4.2) Wirtschaftlich gesehen bietet die Eindämmung des Klimawandels auch grosses ökonomisches Potenzial für die Schweiz, denn der Klimaschutzsektor ist global einer der am schnellsten wachsenden Wirtschaftssektoren.196

TOURISMUS

Der Wintertourismus ist insbesondere durch die abnehmende Schneesicherheit direkt betroffen. Die Kosten für künstliche Beschneiung werden weiter steigen und aufgrund des hohen Wasser- und Energieverbrauchs zunehmend ökologische und ökonomische Grenzen erreichen.192 (Ch. 2.4.2) Tiefer gelegene Gebiete sind zunehmend gefährdet, unrentabel zu werden und sich umorientieren zu müssen.77, 197 Höher gelegene Gebiete werden zwar kurzfristig von der relativ gesehen höheren Schneesicherheit profitieren, langfristig jedoch möglicherweise ebenfalls unter Druck geraten.

Aufgrund des steigenden Naturgefahrenpotenzials (Murgänge, Felsstürze usw.) steigen auch die Kosten für den Unterhalt und den Bau von Schutzmassnahmen für touristische Infrastrukturen wie Wanderwege und Verkehrsanbindungen.78, 198

Im Frühling und vor allem im Herbst hingegen ergeben sich zukünftig neue Chancen durch eine verlängerte Saison, im Sommer auch durch ein kühleres Klima in den Bergen während Hitzeperioden. Die steigende Sommerhitze wird voraussichtlich dazu führen, dass Touristinnen und Touristen traditionelle mediterrane Destinationen zunehmend meiden und höhere oder nördlichere Regionen bevorzugen.198

VERSICHERUNGEN UND FINANZINDUSTRIE

Der Klimawandel sowie die wirtschaftliche Entwicklung von Privateigentum und öffentlicher Infrastruktur, die zu wachsendem Gesamtwert der durch Naturgefahren betroffenen Bauten führt, werden das Schadenspotenzial sehr wahrscheinlich weiter steigen lassen.192 (Ch. 2.3) Die Versicherungswirtschaft muss sich dabei neuen Herausforderungen wie steigenden Schadenssummen stellen.

Finanzakteure neigen dazu, sowohl das physische Klimarisiko als auch das Übergangsrisiko, d. h. Risiken im Zusammenhang mit dem Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft, zu unterschätzen – insbesondere bei Zeiträumen, die über ein Jahrzehnt oder länger reichen.199 Dies hat zur Folge, dass die von Finanzintermediären verwalteten Ersparnisse und Investitionen von Bürgerinnen und Bürgern und dem Staat wachsenden Risiken ausgesetzt sein werden. Zudem wird auch die Finanzierungslücke für Anpassung und Minderung vergrössert, sodass der Finanzsektor nicht den Beitrag leistet, den er zur Erreichung der Klimaziele leisten könnte. Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Finanzsektor ist für die Schweiz besonders relevant, da der Finanzsektor im Vergleich zu anderen Ländern einen höheren Anteil am BIP ausmacht.200

ÖFFENTLICHE FINANZEN

Durch den Klimawandel und die dadurch notwendigen politischen Massnahmen kommen auch finanzielle Zusatzlasten auf die öffentlichen Haushalte zu. Diese entstehen sowohl einnahmeseitig (z. B. durch sinkende Einnahmen aus der Mineralölsteuer) wie auch ausgabeseitig (z. B. durch höhere Kosten für Anpassungsmassnahmen und Subventionen). Die Quantifizierung dieser Kosten ist generell mit grossen Unsicherheiten behaftet.201 Für die Schweiz wird davon ausgegangen, dass die Gesamtauswirkungen des Klimawandels auf die öffentlichen Finanzen mehrheitlich negativ ist.202, 203

UNTERNEHMUNGEN

Minderung

Das Klima- und Innovationsgesetz sieht unternehmensspezifische Massnahmen vor. Neben den konventionellen klima- und energiepolitischen Massnahmen können Minderungsfortschritte auf Unternehmensebene auch durch ein verbessertes Materialmanagement und entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen erzielt werden. Die Kreislaufwirtschaft bietet dafür erhebliches Potenzial, da sie den ressourceneffizienten Umgang mit Materialien in sämtlichen Phasen des Produkt-Lebenszyklus entlang der gesamten Lieferkette fördert.373, 374, 375

Die Schweiz hat das unternehmerische Potenzial der Kreislaufwirtschaft bisher nur in geringem Umfang erschlossen. Derzeit investieren 10 % der Schweizer Unternehmen in kreislaufwirtschaftliche Aktivitäten, wobei selbst diese Pioniere nur begrenzte Einnahmen aus kreislaufwirtschaftlichen Produktsystemen erzielen.376 Die grössten in der Schweiz bisher unausgeschöpften Potenziale für höhere Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft liegen im Bereich der Ernährung, Bauen und Wohnen, private Mobilität, Maschinenbau und chemische Industrie.377

Mit der Revision des Umweltschutzgesetzes im Jahr 2024 wurde eine gesetzliche Grundlage für die Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft in der Schweiz geschaffen mit neuen Instrumenten für Bund, Kantone und Gemeinden sowie Anreize für Unternehmen zur effizienteren Ressourcennutzung. Vor allem der erfolgsversprechende Mechanismus der Branchenlösung wurde gezielt gestärkt. Einige Kriterien sind allerdings nicht verbindlich formuliert, weshalb der effektive Umsetzungsrahmen zum aktuellen Zeitpunkt noch relativ unklar ist.378

Anpassung

Der vorausschauende Umgang mit Klimarisken, insbesondere Naturgefahren, senkt Kosten und eröffnet Chancen am Markt. Unternehmen, die sich proaktiv damit auseinandersetzen, weisen langfristig stabilere Finanzkennzahlen auf und können besser auf Marktveränderungen reagieren. Ein systematisches Klimarisikomanagement stärkt daher die Resilienz und kann Wettbewerbsvorteile verschaffen.379

TOURISMUS

Minderung

Der Tourismussektor weist vor allem durch das Reiseverhalten über lange Distanzen (mit hohem Anteil von Flügen und Autofahrten) und zum Teil auch durch den Betrieb von Anlagen einen hohen Treibhausgasausstoss auf.380 Minderungsmöglichkeiten bestehen in der Verbesserung der Energieeffizienz und der Nutzung von erneuerbaren Energien in vielen Bereichen (Transportanlagen, Unterkünften usw.). Potenzial besteht aber vor allem durch Veränderungen bezüglich der Art des Tourismus, z. B. Zielpublikum mit geringerer Anreisedistanz (Schweiz/Europa statt China/Japan), längere Aufenthalte statt Tagestourismus oder weniger energieintensive Angebote (Wandern, Spiele, Informationspfade usw.).381

Anpassung

Das sich verändernde Klima zwingt viele Tourismusdestinationen zu einschneidenden Anpassungen bis hin zu rigorosen Neuorientierungen des Geschäftsmodells.382 Sogar mit dem Ausbau der künstlichen Beschneiung ist Skitourismus in tiefer gelegenen Gebieten oft kaum mehr wirtschaftlich möglich. Viele Gebiete setzen deshalb vermehrt oder sogar ausschliesslich auf Sommertourismus oder auf schneeungebundene Aktivitäten, oft durchaus erfolgreich (z. B. Region Stockhorn im Berner Oberland).

FINANZINDUSTRIE

Minderung und Anpassung

Klimaberichterstattung (engl. «climate-related financial disclosure») unterstützt Firmen dabei, ihr Geschäft klimakompatibel auszugestalten, mit Klimarisken vorausschauend umzugehen und die damit verbundenen Chancen wahrzunehmen. In der Innenwirkung führt dies dazu, dass Klima in der Strategie ernstgenommen wird, Firmen also ihre Klimarisiken (Transitionsrisiken und physische Risken) kennen und besser im Griff haben. In der Aussenwirkung hilft dies Investoren, besser aufgestellte und risikobewusste Firmen zu identifizieren und Kapital entsprechend zuzuweisen. Dies wiederum senkt die Kapitalkosten für Firmen, die ihre Klimarisiken im Griff haben und die damit verbundenen Chancen wahrnehmen. Eine Klimaberichterstattung, die die genannten Wirkungen entfaltet, gewinnt insbesondere dann an Relevanz, wenn die Vergleichbarkeit über Firmen und Sektoren hinweg gewährleistet ist.383

Die Finanzmarktregulierung verlangt seit 2021, dass Firmen ab einer bestimmten Grösse ihre Risiken auf dem Weg zum Netto-Null-Treibhausgas-Ziel sowie bezüglich der Auswirkungen des Klimawandels offenlegen.384 Dies beinhaltet die Gouvernanz sowie die Identifikation, Beurteilung, Bewirtschaftung und Überwachung von entsprechenden Risiken. Während die Firmen der Offenlegungspflicht mehrheitlich nachkommen, fehlen oft Angaben über den konkreten Umgang mit klimabezogenen Finanzrisiken.385, 386

Die Ausrichtung der internationalen Handlungsmassnahmen im Finanzsektor ist stark auf Berichterstattung ausgelegt. Neben der Vergleichbarkeit von Firmen und Sektoren ergeben sich weitere Herausforderungen, die bei der Ausgestaltung der Berichtspflicht beachtet werden sollten:

  • Begrenzte Wirkung von ESG-Berichterstattung auf Investitions- und Unternehmensverhalten: Wissenschaftliche Befunde zeigen, dass ESG-Berichte bislang kaum dazu geführt haben, dass Kapital systematisch in nachhaltigere Geschäftsmodelle fliesst387, 388 oder Unternehmen grundlegend umdenken.389 Nachhaltige Veränderungen, etwa hin zu langlebigeren Produkten, stehen oft im Widerspruch zu (kurzfristigen) wachstumsorientierten Investitionslogiken.390 Der beobachtbare Effekt beschränkt sich darauf, dass Unternehmen sich eher aus rechtlichen Grauzonen zurückziehen, um Reputationsschäden zu vermeiden.391
  • Gefahr von Greenwashing und Überlastung durch Berichtspflichten: Statt substanzieller Nachhaltigkeit dominiert vielfach das strategische Erfüllen von ESG-Kriterien,389 was sich kaum verhindern lässt.392 Die zunehmende Berichtspflicht stellt insbesondere für kleinere Unternehmen (KMU) eine Belastung dar, ohne dass dies mit einem nennenswerten Anstieg ihrer Nachhaltigkeitsbeiträge einhergeht.393 Um Wirkung zu entfalten, müssten ESG-Berichte gezielt Schwächen aufdecken, was in der Praxis jedoch schwierig umzusetzen ist.389, 394

Die Wirksamkeit klimabezogener Finanzberichterstattung dürfte künftig davon abhängen, inwieweit es gelingt, Berichterstattung mit konsistentem Bewertungsrahmen, überprüfbaren Indikatoren und einer verbesserten Integration von Klimarisiken in Finanzentscheidungen zu verknüpfen, sodass sie über reine Transparenz hinaus als Grundlage für evidenzbasierte Anpassungsprozesse im Finanzsystem dienen kann.

ÖFFENTLICHE FINANZEN

Minderung

Finanzielle Zusatzlasten für den öffentlichen Haushalt durch das Netto-Null-Ziel (z. B. sinkende Einnahmen aus Mineralölsteuer oder LSVA und höhere Ausgaben durch Subventionen) könnten reduziert werden, wenn die Mineralölsteuer durch eine allgemeine Mobilitätssteuer und Subventionen für Klimaschutz- und Energiesparmassnahmen vermehrt durch Lenkungsabgaben ersetzt würden.203

Eine Analyse der Steuervergünstigungen mit grossen Auswirkungen auf Treibhausgasemissionen in der Schweiz (allen voran die Befreiung des internationalen Luftverkehrs von der Mineralöl- und Mehrwertsteuer, aber auch die Abzugsfähigkeit von Pendlerkosten, die Befreiung leichter Nutzfahrzeuge von der Schwerverkehrsabgabe und die unzureichende Höhe dieser Abgabe für schwere Nutzfahrzeuge, die günstige einkommenssteuerliche Behandlung von Firmenwagen und kostenloses Parken, sowie die Rückerstattung der Mineralölsteuer an lizenzierte Transportunternehmen) zeigt erhebliches Massnahmenpotenzial: Durch die Abschaffung dieser Vergünstigungen würden gemäss Modellresultaten die Treibhausgasemissionen um 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt und die Einnahmen des Bundes um 2,8 Milliarden CHF sowie die Einnahmen der Kantone und Gemeinden um 1,7 Milliarden CHF erhöht.395

Anpassung

Schutzmassnahmen gegen zunehmende Naturgefahren und der Wiederaufbau von beschädigter Infrastruktur, sowie weitere Anpassungsmassnahmen belasten die öffentlichen Finanzen bereits heute, wobei diese nicht eindeutig dem Klimawandel zuzuordnen sind. Es wird sich jedoch vermehrt die Frage stellen, ob Schutzmassnahmen noch verhältnismässig sind oder gewisse Infrastrukturen und Gebäude rückgebaut werden sollen. Bei knappen öffentlichen Finanzen wird es ausserdem besonders wichtig sein, Anpassungsmassnahmen dort zu finanzieren, wo sie die grösste Wirkung entfalten.

Brennpunkt Klima Schweiz

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