UNTERNEHMUNGEN
Minderung
Das Klima- und Innovationsgesetz sieht unternehmensspezifische Massnahmen vor. Neben den konventionellen klima- und energiepolitischen Massnahmen können Minderungsfortschritte auf Unternehmensebene auch durch ein verbessertes Materialmanagement und entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen erzielt werden. Die Kreislaufwirtschaft bietet dafür erhebliches Potenzial, da sie den ressourceneffizienten Umgang mit Materialien in sämtlichen Phasen des Produkt-Lebenszyklus entlang der gesamten Lieferkette fördert.373, 374, 375
Die Schweiz hat das unternehmerische Potenzial der Kreislaufwirtschaft bisher nur in geringem Umfang erschlossen. Derzeit investieren 10 % der Schweizer Unternehmen in kreislaufwirtschaftliche Aktivitäten, wobei selbst diese Pioniere nur begrenzte Einnahmen aus kreislaufwirtschaftlichen Produktsystemen erzielen.376 Die grössten in der Schweiz bisher unausgeschöpften Potenziale für höhere Ressourceneffizienz und Kreislaufwirtschaft liegen im Bereich der Ernährung, Bauen und Wohnen, private Mobilität, Maschinenbau und chemische Industrie.377
Mit der Revision des Umweltschutzgesetzes im Jahr 2024 wurde eine gesetzliche Grundlage für die Weiterentwicklung der Kreislaufwirtschaft in der Schweiz geschaffen mit neuen Instrumenten für Bund, Kantone und Gemeinden sowie Anreize für Unternehmen zur effizienteren Ressourcennutzung. Vor allem der erfolgsversprechende Mechanismus der Branchenlösung wurde gezielt gestärkt. Einige Kriterien sind allerdings nicht verbindlich formuliert, weshalb der effektive Umsetzungsrahmen zum aktuellen Zeitpunkt noch relativ unklar ist.378
Anpassung
Der vorausschauende Umgang mit Klimarisken, insbesondere Naturgefahren, senkt Kosten und eröffnet Chancen am Markt. Unternehmen, die sich proaktiv damit auseinandersetzen, weisen langfristig stabilere Finanzkennzahlen auf und können besser auf Marktveränderungen reagieren. Ein systematisches Klimarisikomanagement stärkt daher die Resilienz und kann Wettbewerbsvorteile verschaffen.379
TOURISMUS
Minderung
Der Tourismussektor weist vor allem durch das Reiseverhalten über lange Distanzen (mit hohem Anteil von Flügen und Autofahrten) und zum Teil auch durch den Betrieb von Anlagen einen hohen Treibhausgasausstoss auf.380 Minderungsmöglichkeiten bestehen in der Verbesserung der Energieeffizienz und der Nutzung von erneuerbaren Energien in vielen Bereichen (Transportanlagen, Unterkünften usw.). Potenzial besteht aber vor allem durch Veränderungen bezüglich der Art des Tourismus, z. B. Zielpublikum mit geringerer Anreisedistanz (Schweiz/Europa statt China/Japan), längere Aufenthalte statt Tagestourismus oder weniger energieintensive Angebote (Wandern, Spiele, Informationspfade usw.).381
Anpassung
Das sich verändernde Klima zwingt viele Tourismusdestinationen zu einschneidenden Anpassungen bis hin zu rigorosen Neuorientierungen des Geschäftsmodells.382 Sogar mit dem Ausbau der künstlichen Beschneiung ist Skitourismus in tiefer gelegenen Gebieten oft kaum mehr wirtschaftlich möglich. Viele Gebiete setzen deshalb vermehrt oder sogar ausschliesslich auf Sommertourismus oder auf schneeungebundene Aktivitäten, oft durchaus erfolgreich (z. B. Region Stockhorn im Berner Oberland).
FINANZINDUSTRIE
Minderung und Anpassung
Klimaberichterstattung (engl. «climate-related financial disclosure») unterstützt Firmen dabei, ihr Geschäft klimakompatibel auszugestalten, mit Klimarisken vorausschauend umzugehen und die damit verbundenen Chancen wahrzunehmen. In der Innenwirkung führt dies dazu, dass Klima in der Strategie ernstgenommen wird, Firmen also ihre Klimarisiken (Transitionsrisiken und physische Risken) kennen und besser im Griff haben. In der Aussenwirkung hilft dies Investoren, besser aufgestellte und risikobewusste Firmen zu identifizieren und Kapital entsprechend zuzuweisen. Dies wiederum senkt die Kapitalkosten für Firmen, die ihre Klimarisiken im Griff haben und die damit verbundenen Chancen wahrnehmen. Eine Klimaberichterstattung, die die genannten Wirkungen entfaltet, gewinnt insbesondere dann an Relevanz, wenn die Vergleichbarkeit über Firmen und Sektoren hinweg gewährleistet ist.383
Die Finanzmarktregulierung verlangt seit 2021, dass Firmen ab einer bestimmten Grösse ihre Risiken auf dem Weg zum Netto-Null-Treibhausgas-Ziel sowie bezüglich der Auswirkungen des Klimawandels offenlegen.384 Dies beinhaltet die Gouvernanz sowie die Identifikation, Beurteilung, Bewirtschaftung und Überwachung von entsprechenden Risiken. Während die Firmen der Offenlegungspflicht mehrheitlich nachkommen, fehlen oft Angaben über den konkreten Umgang mit klimabezogenen Finanzrisiken.385, 386
Die Ausrichtung der internationalen Handlungsmassnahmen im Finanzsektor ist stark auf Berichterstattung ausgelegt. Neben der Vergleichbarkeit von Firmen und Sektoren ergeben sich weitere Herausforderungen, die bei der Ausgestaltung der Berichtspflicht beachtet werden sollten:
- Begrenzte Wirkung von ESG-Berichterstattung auf Investitions- und Unternehmensverhalten: Wissenschaftliche Befunde zeigen, dass ESG-Berichte bislang kaum dazu geführt haben, dass Kapital systematisch in nachhaltigere Geschäftsmodelle fliesst387, 388 oder Unternehmen grundlegend umdenken.389 Nachhaltige Veränderungen, etwa hin zu langlebigeren Produkten, stehen oft im Widerspruch zu (kurzfristigen) wachstumsorientierten Investitionslogiken.390 Der beobachtbare Effekt beschränkt sich darauf, dass Unternehmen sich eher aus rechtlichen Grauzonen zurückziehen, um Reputationsschäden zu vermeiden.391
- Gefahr von Greenwashing und Überlastung durch Berichtspflichten: Statt substanzieller Nachhaltigkeit dominiert vielfach das strategische Erfüllen von ESG-Kriterien,389 was sich kaum verhindern lässt.392 Die zunehmende Berichtspflicht stellt insbesondere für kleinere Unternehmen (KMU) eine Belastung dar, ohne dass dies mit einem nennenswerten Anstieg ihrer Nachhaltigkeitsbeiträge einhergeht.393 Um Wirkung zu entfalten, müssten ESG-Berichte gezielt Schwächen aufdecken, was in der Praxis jedoch schwierig umzusetzen ist.389, 394
Die Wirksamkeit klimabezogener Finanzberichterstattung dürfte künftig davon abhängen, inwieweit es gelingt, Berichterstattung mit konsistentem Bewertungsrahmen, überprüfbaren Indikatoren und einer verbesserten Integration von Klimarisiken in Finanzentscheidungen zu verknüpfen, sodass sie über reine Transparenz hinaus als Grundlage für evidenzbasierte Anpassungsprozesse im Finanzsystem dienen kann.
ÖFFENTLICHE FINANZEN
Minderung
Finanzielle Zusatzlasten für den öffentlichen Haushalt durch das Netto-Null-Ziel (z. B. sinkende Einnahmen aus Mineralölsteuer oder LSVA und höhere Ausgaben durch Subventionen) könnten reduziert werden, wenn die Mineralölsteuer durch eine allgemeine Mobilitätssteuer und Subventionen für Klimaschutz- und Energiesparmassnahmen vermehrt durch Lenkungsabgaben ersetzt würden.203
Eine Analyse der Steuervergünstigungen mit grossen Auswirkungen auf Treibhausgasemissionen in der Schweiz (allen voran die Befreiung des internationalen Luftverkehrs von der Mineralöl- und Mehrwertsteuer, aber auch die Abzugsfähigkeit von Pendlerkosten, die Befreiung leichter Nutzfahrzeuge von der Schwerverkehrsabgabe und die unzureichende Höhe dieser Abgabe für schwere Nutzfahrzeuge, die günstige einkommenssteuerliche Behandlung von Firmenwagen und kostenloses Parken, sowie die Rückerstattung der Mineralölsteuer an lizenzierte Transportunternehmen) zeigt erhebliches Massnahmenpotenzial: Durch die Abschaffung dieser Vergünstigungen würden gemäss Modellresultaten die Treibhausgasemissionen um 2,5 Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt und die Einnahmen des Bundes um 2,8 Milliarden CHF sowie die Einnahmen der Kantone und Gemeinden um 1,7 Milliarden CHF erhöht.395
Anpassung
Schutzmassnahmen gegen zunehmende Naturgefahren und der Wiederaufbau von beschädigter Infrastruktur, sowie weitere Anpassungsmassnahmen belasten die öffentlichen Finanzen bereits heute, wobei diese nicht eindeutig dem Klimawandel zuzuordnen sind. Es wird sich jedoch vermehrt die Frage stellen, ob Schutzmassnahmen noch verhältnismässig sind oder gewisse Infrastrukturen und Gebäude rückgebaut werden sollen. Bei knappen öffentlichen Finanzen wird es ausserdem besonders wichtig sein, Anpassungsmassnahmen dort zu finanzieren, wo sie die grösste Wirkung entfalten.