2.1 Allgemeine Grundsätze
Das ab Anfang 2025 verbleibende globale CO2-Budget beträgt noch 130 Gt CO2, um mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % das im Übereinkommen von Paris angestrebte globale Erwärmungslimit von 1,5 °C nicht zu überschreiten. Ab einer globalen Erwärmung von 1,5 °C nimmt das Risiko, Kipppunkte in natürlichen Systemen zu erreichen, stark zu. Laut aktuellen Einschätzungen werden wir dieses Budget in den nächsten fünf Jahren aufgebraucht haben. Wie viel des globalen CO2-Budgets die Schweiz verbrauchen darf, hängt von gesellschaftlich bzw. politisch zu definierenden Annahmen ab.
2.1.1 Kohlenstoffbudgets
A) Global
Jede vom Menschen verursachte CO2-Emission trägt in etwa gleich stark zur globalen Erwärmung bei. Im Durchschnitt führt die Freisetzung von 1000 Gt CO2 zu einer Erhöhung der globalen Durchschnittstemperatur von rund 0,45 °C. 21 (Ch. D.1.1)
Das verbleibende Kohlenstoffbudget (oder CO2-Budget) bezeichnet die Menge an CO2, die weltweit ab heute höchstens noch ausgestossen werden darf, um eine bestimmte globale Temperaturgrenze nicht zu überschreiten. Ob diese Grenze eingehalten werden kann, hängt im Wesentlichen davon ab, wie viel CO2 bis zum Erreichen von netto null insgesamt ausgestossen wird und wie stark die Emissionen anderer Treibhausgase – insbesondere von Methan in diesem Jahrzehnt – reduziert werden.I Beide Faktoren bestimmen massgeblich, ob die international vereinbarte Begrenzung der globalen Erwärmung erreicht werden kann.
Das ab Anfang 2025 verbleibende globale CO2-Budget beträgt noch 130 Gt CO2, um mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % unter dem vom Übereinkommen von Paris angestrebten Erwärmungslimit von 1,5 °C zu bleiben.3 Diese Schätzung wurde seit dem IPCC-AR6-Bericht128 (damalige Schätzung: 500 Gt CO2 ab 2020) deutlich reduziert.
Basierend auf der Schätzung der vom Menschen verursachten Erwärmung bis zum Jahr 2024J von 1,36 °C und der aktuellen Temperaturanstiegsrate von 0,27 °C pro Jahrzehnt wird davon ausgegangen, dass die vom Menschen verursachte globale Erwärmung bei gleichbleibenden Emissionsraten in etwa fünf Jahren 1,5 °C erreichen würde.3
B) Schweiz
Während sich das verbleibende globale Kohlenstoffbudget basierend auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen berechnen lässt, ist die Aufteilung auf einzelne Regionen oder Länder mit gesellschaftlich bzw. politisch zu definierenden Annahmen verbunden. So könnte man den Anteil der Schweiz allein prozentual an der Bevölkerungszahl berechnen, man könnte aber auch die historischen oder die konsumbasierten (d. h. durch den Endverbrauch von Gütern und Dienstleistungen in einem Land entstehenden) Emissionen oder die Finanzkraft als Basis nehmen oder mit einbeziehen.129, 130
In der Schweiz wurden solche normativen Annahmen – wie in praktisch allen anderen Ländern – bisher nicht festgelegt. Das Übereinkommen von Paris schreibt dies nicht vor und bietet keine anerkannte Methode zur fairen Verteilung des CO2-Budgets zwischen den Vertragsstaaten. Je nach Annahme ergibt sich, dass die Schweiz ihr verbleibendes Kohlenstoffbudget für die 1,5 °C-Limite bereits aufgebraucht hat, oder dass die Emissionsminderungsziele aus der bestehenden Klimagesetzgebung das verbleibende Kohlenstoffbudget der Schweiz überbeanspruchen oder knapp einhalten.
2.1.2 Kipppunkte natürlicher Systeme
Im Klimasystem existieren zahlreiche so genannte Kipppunkte,3 (Annex I, Glossary) bei welchen Klima- oder Ökosysteme in einen anderen Zustand kommen, mit entweder abrupten oder unumkehrbaren Veränderungen. Beispiele dafür sind der Zusammenbruch der Umwälzströmung im atlantischen Ozean (oft mit «Golfstrom» bezeichnet), verbunden mit einer schnellen und starken Abkühlung in Nordeuropa; das Abschmelzen des grönländischen Eisschildes oder der Zusammenbruch des Westantarktischen Eisschildes, jeweils verbunden mit einer starken Erhöhung des Meeresspiegels; eine abrupte Freisetzung von Methan aus Ablagerungen eines festen Wasser-Methan-Gemischs (Hydraten) in den Tiefen des Ozeans; ein flächenhaftes Absterben des Amazonasregenwalds; oder das Aussterben von Tier- oder Pflanzenarten.128 (Ch. 1)
Verschiedene Kipppunkte sind miteinander verknüpft und beeinflussen sich gegenseitig.128 (Ch. 1) Die Gefahr, solche Kipppunkte zu erreichen oder zu überschreiten, steigt mit zunehmender globaler Temperatur. Einschätzungen dazu, bei welchem Temperaturanstieg diese Kipppunkte erreicht werden, sind jedoch mit grossen Unsicherheiten behaftet und werden intensiv diskutiert.
2.1.3 Überschreitung und Rückkehr zur Temperaturgrenze
Wenn die globale Erwärmung ein bestimmtes Niveau, zum Beispiel 1,5 °C überschreitet, könnte sie danach über Jahrzehnte bis Jahrhunderte wieder unter diese Marke gesenkt werden, indem global netto-negative CO2-EmissionenK über längere Zeit aufrechterhalten werden. Dies würde im Vergleich zu einer Entwicklung ohne Überschreitung zusätzliche CO2-Entnahmen erfordern. Je mehr CO2-Entnahme dabei pro Jahr erzielt werden muss, desto aufwändiger und teurer wird die Umsetzung und die Frage stellt sich, ob die erforderliche Menge technisch überhaupt erreichbar wäre.
Eine Überschreitung bringt zudem nachteilige Folgen mit sich. Einige dieser Folgen sind unumkehrbar (beispielsweise, wenn Kipppunkte überschritten werden, siehe oben), d. h. sie können mit einer globalen Abkühlung durch netto-negative Emissionen nicht mehr rückgängig gemacht werden. Je grösser das Ausmass und die Dauer der Überschreitung sind, umso stärker nehmen die Folgen und zusätzlichen Risiken für menschliche und natürliche Systeme zu.