1.1 Beobachtete Erwärmung und ihre Ursachen
Die beobachtete, durchschnittliche Erdoberflächentemperatur im Zeitraum 2015–2024 lag global etwa 1,2 °C, europaweit etwa 2,2 °C und schweizweit rund 2,8 °C höher als in der vorindustriellen Referenzperiode. Hauptverantwortlich für diesen Temperaturanstieg ist die erhöhte Treibhausgaskonzentration, welche primär durch die menschliche Nutzung fossiler Energieträger verursacht wird. Die Schweiz erwärmt sich rund 2,2-mal so schnell wie der globale Durchschnitt.
1.1.1 Global
Die Erwärmung des Klimasystems ist eindeutig.1 (Ch. A.1) Die beobachtete, durchschnittliche globale ErdoberflächentemperaturA im Zeitraum 2015–2024 lag 1,24 °C [1,11–1,35 °C]B höher als in der vorindustriellen Referenzperiode (1850–1900).C Der menschliche Einfluss auf das Klimasystem ist klar: Menschliche Aktivitäten haben in diesem Zeitraum eine Erwärmung von 1,22 °C [1,0–1,5 °C] bewirkt. Der Temperaturanstieg war über den Landoberflächen mit +1,79 °C [1,56–2,03 °C] deutlich stärker als über den Ozeanen mit +1,02 °C [0,81–1,13 °C].3
Hauptsächlich verantwortlich für den Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen sind: die Nutzung fossiler Energieträger (ca. 90 % der CO2-Emissionen und ca. 35 % der Methanemissionen); Landnutzung (ca. 40 % der Methanemissionen und 70 % der Lachgasemissionen) und Landnutzungsänderungen wie Waldrodung für Ackerbau; und mit dem Lebensstil verbundene Konsum- und Produktionsmuster.4
Abbildung 1: Globale Temperaturzunahme seit der vorindustriellen Referenzperiode (1850–1900).3 (Fig. 7)
Abbildung 2: Zunahme der Erdoberflächentemperatur: Zehnjahresdurchschnitt 2015–2024 im Vergleich zur vorindustriellen ReferenzperiodeB auf globaler Ebene,3, 6 für Europa6 und für die Schweiz.10
1.1.2 Europa
Der Vergleich mit der vorindustriellen Referenzperiode (1850–1900) zeigt, dass die durchschnittliche europäische Erdoberflächentemperatur im Zeitraum 2015–2024 etwa 2,19–2,26 °C höher lag als damals.6 Der grösste Teil dieser Erwärmung (1,7 °C) ist seit den 1980er-Jahren erfolgt.D In dieser Periode hat sich Europa doppelt so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt und ist damit der sich am schnellsten erwärmende Kontinent der Erde.8 Die aktuelle Forschung zeigt, dass sich Zentraleuropa stärker erwärmt hat als in regionalen Klimamodellen projiziert.9
1.1.3 Schweiz
Die ErdoberflächentemperaturA im Alpenraum und in der Schweiz lag 2024 bereits 2,9 °CE über dem Mittel von 1871–1900. Seit einigen Jahrzehnten hat sich der Alpenraum etwa 2,2-mal so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt.2, 11
Die Ursachen der stärkeren Erwärmung als im globalen Mittel sind vor allem die Lage der Schweiz auf der Landoberfläche (diese erwärmt sich stärker als die Ozeane) und der Rückgang der Schnee- und Eisbedeckung.10 Weitere mögliche Ursachen sind zufällige oder systematische Veränderungen der atmosphärischen Windströmungsmuster sowie die Abnahme der Konzentration von Luftpartikeln (Aerosolen).10
Die Treibhausgasemissionen in der Schweiz (ohne internationalen Flugverkehr) bestanden im Jahr 2023 zu 78,5 % aus CO2, vorwiegend aus der Verbrennung fossiler Brenn-und Treibstoffe. Der Rest setzte sich hauptsächlich aus Methan und Lachgas aus der Landwirtschaft und der Abfallbewirtschaftung (Deponien und Abwasserreinigung) zusammen. Die Sektoren mit dem grössten Anteil an den inländischen Treibhausgasemissionen in der Schweiz waren im Jahr 2023 der Verkehr mit 33,6 %, gefolgt von der Industrie und dem Gebäudesektor (Haushalte und Dienstleistungen) mit jeweils 22,2 %.12 Der internationale Flugverkehr wird im Schweizer Treibhausgasinventar separat ausgewiesen und trug im Vor-COVID-Jahr 2019 11 % zu den Gesamtemissionen bei. Dabei ist die Klimawirkung des Flugverkehrs durch die Emission kurzlebiger Substanzen und deren Auswirkungen (z. B. Kondensstreifen) gegenwärtig etwa um einen Faktor 2,0–2,7 höher als auf Basis der reinen CO2-Emissionen berechnet. Somit ist der Flugverkehr für rund ein Viertel der Schweizer Klimawirkung (ohne importbasierte Emissionen, siehe Infobox 1) verantwortlich.13
Infobox 1: Berechnung des Treibhausgasinventars: produktions- vs. konsumbasierte Emissionen
Die Regeln, nach denen die Vertragsstaaten des Übereinkommens von Paris ein Treibhausgasinventar erstellen müssen, sind im sogenannten Enhanced Transparency Framework (ETF)14 festgelegt, das 2018 auf der COP24 in Katowice beschlossen wurde. Es baut auf den Leitlinien des Weltklimarats IPCC auf und folgt international standardisierten Vorgaben. Das Inventar muss in CO2-Äquivalenten ausgewiesen werden und Treibhausgasemissionsquellen und -senken in allen relevanten Sektoren umfassen. Dazu zählen Energie, Industrieprozesse und produktbezogene Emissionen, Landwirtschaft, Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft (LULUCF) sowie Abfall. Berücksichtigt werden jedoch nur die produktionsbasierten Emissionen eines Landes. Das heisst, es werden nur die Treibhausgasemissionen erfasst, die innerhalb der Landesgrenzen entstehen – unabhängig davon, ob die Güter später exportiert oder im Inland verbraucht werden. Dieses Vorgehen wird als Territorialprinzip bezeichnet.
Eine andere Art, die Emissionen eines Landes zu quantifizieren, ist der Treibhausgasfussabdruck. Er beinhaltet die konsumbasierten Emissionen, die durch den Endverbrauch von Gütern und Dienstleistungen in einem Land entstehen. Dabei werden auch die importbedingten Emissionen berücksichtigt, die beispielsweise entlang der Lieferkette im Ausland anfallen. Davon werden die exportbedingten Emissionen abgezogen, die durch die inländische Produktion von Gütern und Dienstleistungen entstehen, die zum Export bestimmt sind. Die Berechnung eines konsumbasierten Treibhausgasinventars ist unter dem Übereinkommen von Paris nicht verpflichtend. Für die Schweiz ist dies von Bedeutung, da die konsumbasierten Emissionen aufgrund der Importintensität des Landes rund 2,6–3,1-mal so hoch sind wie die produktionsbasierten Emissionen allein.15
Eine weitere Grösse, die im Zusammenhang mit Emissionen und Treibhausgasinventaren immer wieder genannt wird, sind die sogenannten grauen Emissionen. Sie bezeichnen alle vorgelagerten Emissionen eines Produkts oder einer Dienstleistung im In- und Ausland, wie beispielsweise ihr Transport. Zur Abgrenzung: Die vielfach verwendeten «Scopes» (1, 2, 3) stammen nicht aus den UNFCCC-Regeln, sondern aus dem Greenhouse Gas Protocol und beschreiben die Emissionssystematik aus der Unternehmensperspektive (siehe auch Glossar).
Abbildung 3: Aufteilung der produktionsbasierten Treibhausgasemissionen der Schweiz auf die Sektoren (in %). Der internationale Flug- und Schiffsverkehr ist darin nicht enthalten.12