Derzeitiger Stand und Entwicklungen

Kapitel 1 / Dieses Kapitel beleuchtet das gegenwärtig beobachtete Ausmass und die aktuellen Folgen des Klimawandels sowie bestehende Minderungs- und Anpassungsmassnahmen – global, in Europa und in der Schweiz.

1.1 Beobachtete Erwärmung und ihre Ursachen

Die beobachtete, durchschnittliche Erdoberflächentemperatur im Zeitraum 2015–2024 lag global etwa 1,2 °C, europaweit etwa 2,2 °C und schweizweit rund 2,8 °C höher als in der vorindustriellen Referenzperiode. Hauptverantwortlich für diesen Temperaturanstieg ist die erhöhte Treibhausgaskonzentration, welche primär durch die menschliche Nutzung fossiler Energieträger verursacht wird. Die Schweiz erwärmt sich rund 2,2-mal so schnell wie der globale Durchschnitt.

1.1.1 Global

Die Erwärmung des Klimasystems ist eindeutig.1 (Ch. A.1) Die beobachtete, durchschnittliche globale ErdoberflächentemperaturA im Zeitraum 2015–2024 lag 1,24 °C [1,11–1,35 °C]B höher als in der vorindustriellen Referenzperiode (1850–1900).C Der menschliche Einfluss auf das Klimasystem ist klar: Menschliche Aktivitäten haben in diesem Zeitraum eine Erwärmung von 1,22 °C [1,0–1,5 °C] bewirkt. Der Temperaturanstieg war über den Landoberflächen mit +1,79 °C [1,56–2,03 °C] deutlich stärker als über den Ozeanen mit +1,02 °C [0,81–1,13 °C].3

Hauptsächlich verantwortlich für den Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen sind: die Nutzung fossiler Energieträger (ca. 90 % der CO2-Emissionen und ca. 35 % der Methanemissionen); Landnutzung (ca. 40 % der Methanemissionen und 70 % der Lachgasemissionen) und Landnutzungsänderungen wie Waldrodung für Ackerbau; und mit dem Lebensstil verbundene Konsum- und Produktionsmuster.4

Globale Temperaturzunahme

Abbildung 1: Globale Temperaturzunahme seit der vorindustriellen Referenzperiode (1850–1900).3 (Fig. 7)

Durchschnittliche Temperaturzunahme global, in Europa und in der Schweiz

Abbildung 2: Zunahme der Erdoberflächentemperatur: Zehnjahresdurchschnitt 2015–2024 im Vergleich zur vorindustriellen ReferenzperiodeB auf globaler Ebene,3, 6 für Europa6 und für die Schweiz.10

1.1.2 Europa

Der Vergleich mit der vorindustriellen Referenzperiode (1850–1900) zeigt, dass die durchschnittliche europäische Erdoberflächentemperatur im Zeitraum 2015–2024 etwa 2,19–2,26 °C höher lag als damals.6 Der grösste Teil dieser Erwärmung (1,7 °C) ist seit den 1980er-Jahren erfolgt.D In dieser Periode hat sich Europa doppelt so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt und ist damit der sich am schnellsten erwärmende Kontinent der Erde.8 Die aktuelle Forschung zeigt, dass sich Zentraleuropa stärker erwärmt hat als in regionalen Klimamodellen projiziert.9

1.1.3 Schweiz

Die ErdoberflächentemperaturA im Alpenraum und in der Schweiz lag 2024 bereits 2,9 °CE über dem Mittel von 1871–1900. Seit einigen Jahrzehnten hat sich der Alpenraum etwa 2,2-mal so stark erwärmt wie der globale Durchschnitt.2, 11

Die Ursachen der stärkeren Erwärmung als im globalen Mittel sind vor allem die Lage der Schweiz auf der Landoberfläche (diese erwärmt sich stärker als die Ozeane) und der Rückgang der Schnee- und Eisbedeckung.10 Weitere mögliche Ursachen sind zufällige oder systematische Veränderungen der atmosphärischen Windströmungsmuster sowie die Abnahme der Konzentration von Luftpartikeln (Aerosolen).10

Die Treibhausgasemissionen in der Schweiz (ohne internationalen Flugverkehr) bestanden im Jahr 2023 zu 78,5 % aus CO2, vorwiegend aus der Verbrennung fossiler Brenn-und Treibstoffe. Der Rest setzte sich hauptsächlich aus Methan und Lachgas aus der Landwirtschaft und der Abfallbewirtschaftung (Deponien und Abwasserreinigung) zusammen. Die Sektoren mit dem grössten Anteil an den inländischen Treibhausgasemissionen in der Schweiz waren im Jahr 2023 der Verkehr mit 33,6 %, gefolgt von der Industrie und dem Gebäudesektor (Haushalte und Dienstleistungen) mit jeweils 22,2 %.12 Der internationale Flugverkehr wird im Schweizer Treibhausgasinventar separat ausgewiesen und trug im Vor-COVID-Jahr 2019 11 % zu den Gesamtemissionen bei. Dabei ist die Klimawirkung des Flugverkehrs durch die Emission kurzlebiger Substanzen und deren Auswirkungen (z. B. Kondensstreifen) gegenwärtig etwa um einen Faktor 2,0–2,7 höher als auf Basis der reinen CO2-Emissionen berechnet. Somit ist der Flugverkehr für rund ein Viertel der Schweizer Klimawirkung (ohne importbasierte Emissionen, siehe Infobox 1) verantwortlich.13

Infobox 1: Berechnung des Treibhausgasinventars: produktions- vs. konsumbasierte Emissionen

Die Regeln, nach denen die Vertragsstaaten des Übereinkommens von Paris ein Treibhausgasinventar erstellen müssen, sind im sogenannten Enhanced Transparency Framework (ETF)14 festgelegt, das 2018 auf der COP24 in Katowice beschlossen wurde. Es baut auf den Leitlinien des Weltklimarats IPCC auf und folgt international standardisierten Vorgaben. Das Inventar muss in CO2-Äquivalenten ausgewiesen werden und Treibhausgasemissionsquellen und -senken in allen relevanten Sektoren umfassen. Dazu zählen Energie, Industrieprozesse und produktbezogene Emissionen, Landwirtschaft, Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft (LULUCF) sowie Abfall. Berücksichtigt werden jedoch nur die produktionsbasierten Emissionen eines Landes. Das heisst, es werden nur die Treibhausgasemissionen erfasst, die innerhalb der Landesgrenzen entstehen – unabhängig davon, ob die Güter später exportiert oder im Inland verbraucht werden. Dieses Vorgehen wird als Territorialprinzip bezeichnet.

Eine andere Art, die Emissionen eines Landes zu quantifizieren, ist der Treibhausgasfussabdruck. Er beinhaltet die konsumbasierten Emissionen, die durch den Endverbrauch von Gütern und Dienstleistungen in einem Land entstehen. Dabei werden auch die importbedingten Emissionen berücksichtigt, die beispielsweise entlang der Lieferkette im Ausland anfallen. Davon werden die exportbedingten Emissionen abgezogen, die durch die inländische Produktion von Gütern und Dienstleistungen entstehen, die zum Export bestimmt sind. Die Berechnung eines konsumbasierten Treibhausgasinventars ist unter dem Übereinkommen von Paris nicht verpflichtend. Für die Schweiz ist dies von Bedeutung, da die konsumbasierten Emissionen aufgrund der Importintensität des Landes rund 2,6–3,1-mal so hoch sind wie die produktionsbasierten Emissionen allein.15

Eine weitere Grösse, die im Zusammenhang mit Emissionen und Treibhausgasinventaren immer wieder genannt wird, sind die sogenannten grauen Emissionen. Sie bezeichnen alle vorgelagerten Emissionen eines Produkts oder einer Dienstleistung im In- und Ausland, wie beispielsweise ihr Transport. Zur Abgrenzung: Die vielfach verwendeten «Scopes» (1, 2, 3) stammen nicht aus den UNFCCC-Regeln, sondern aus dem Greenhouse Gas Protocol und beschreiben die Emissionssystematik aus der Unternehmensperspektive (siehe auch Glossar).

Treibhausgasinventar der Schweiz 1990 und 2023

Abbildung 3: Aufteilung der produktionsbasierten Treibhausgasemissionen der Schweiz auf die Sektoren (in %). Der internationale Flug- und Schiffsverkehr ist darin nicht enthalten.12

1.2 Beobachtete Folgen des Temperaturanstiegs

Zwischen 1901 und 2024 hat der vom Menschen verursachte Klimawandel zu einem Anstieg des Meeresspiegels um 0,23 m und zu starken Veränderungen in der Kryosphäre, insbesondere dem Schmelzen der grönländischen und antarktischen Eisschilde, geführt. Wetter- und Klimaextreme wie Starkniederschläge, Hitzeperioden und Trockenheit haben stark zugenommen. Die Schweiz und Westeuropa gehören zu den 5 % der Regionen weltweit, die seit 1951 die stärkste Zunahme extremer Hitze verzeichneten.

1.2.1 Global

Zahlreiche Indikatoren im globalen Klimasystem haben sich in vielen Gegenden der Welt zum Teil schnell verändert. Unter anderem ist der globale Meeresspiegel zwischen 1901 und 2024 um 0,23 m16 angestiegen, und die grönländischen und antarktischen Eisschilde haben seit spätestens den 1990er-Jahren deutlich an Masse verloren. Der Meeresspiegelanstieg, die Veränderungen der Kryosphäre sowie die Veränderungen in zahlreichen Ökosystemen und das damit einhergehende Artensterben werden über Jahrhunderte bis Jahrtausende hinweg unumkehrbar sein.17

Wetter- und Klimaextreme haben in vielen Regionen der Welt bereits heute zugenommen, mit zum Teil katastrophalen Auswirkungen auf den Menschen und seine natürliche Umwelt. Es gibt eindeutige wissenschaftliche Belege dafür, dass sich extreme Wetterereignisse wie Hitzeperioden, Starkniederschläge und Dürren verstärkt haben und dass der Klimawandel diese Veränderungen massgeblich beeinflusst hat, beziehungsweise dafür verantwortlich ist.18

Der Klimawandel führt ausserdem zunehmend zu Bevölkerungsbewegungen. Diese erfolgen hauptsächlich innerhalb der nationalen Grenzen.19 In den letzten Jahren gab es jährlich 20 Millionen klimabedingte Vertreibungen.20 Die Hauptursachen sind Überschwemmungen und Unwetter.

1.2.2 Europa

Der Westen Zentraleuropas ist eine der Regionen auf der Welt, welche die meisten und/oder grössten Veränderungen bei Extremereignissen und Einflussfaktoren aufweisen:21 (Fig. SPM. 3)

  • Die Schweiz und Westeuropa gehören zu den 5 % der Landregionen weltweit, die seit 1951 die stärkste Zunahme extremer Hitze verzeichneten.5, 9, 18 Die heissesten Tage und Nächte pro Jahr haben sich seit 1901 um etwa 3,5 bzw. 4,5 °C erwärmt.9 Die Zunahme ist in Europa ungefähr 1,5-mal stärker als im globalen Mittel17 und stärker als aufgrund von Modellsimulationen erwartet.
  • Die Häufigkeit von extremer Bodentrockenheit hat sich über Europa zwischen 1991 und 2021 um das 1,2-fache erhöht, die von extremer Lufttrockenheit sogar um das 1,6-fache. Die Häufigkeit des gleichzeitigen Auftretens beider Trockenheiten hat im selben Zeitraum sogar um das 1,7-fache zugenommen.22
  • Extreme Niederschläge kommen in Europa etwa 1,5-bis 2-mal so häufig vor wie im globalen Durchschnitt.23, 24

1.2.3 Schweiz

A) Schweiz allgemein

Tägliche Starkniederschläge sind in der Schweiz heute 26 % häufiger und um 12 % intensiver als zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Insbesondere kurze sommerliche Starkniederschläge sind intensiver geworden.25 Die Häufigkeit von Hagel in der Schweiz hat seit 1959 zwischen 50 % und 100 % zugenommen.9

Seit 1961 ist die Nullgradgrenze um 300–400 m angestiegen.10 Die Tage mit einer Schneedecke in tiefen und mittleren Lagen (unterhalb 2000 m ü. M.) sind markant zurückgegangen, um rund 4–5 Tage pro Jahrzehnt.26

Auch Hitzeperioden sind in der Schweiz häufiger und intensiver geworden, während Kältewellen tendenziell abgenommen haben, bei insgesamt bis zu 60 % weniger Frosttagen.10 Diese Erkenntnisse zu den bisher beobachteten Folgen des Klimawandels sind in Abbildung 4 zusammengefasst.

Beobachtete Klimawandelfolgen in der Schweiz

Abbildung 4: Wichtige Veränderungen des Schweizer Klimas und der Schweizer Umwelt basierend auf Beobachtungsdaten.74, E

B) Wasser

Die Saisonalität der Abflüsse hat sich insbesondere in schnee- und gletscherbeeinflussten Einzugsgebieten stark verändert, wobei die Niederschlagssummen und Abflüsse im Winter zu- und im Sommer und Herbst abgenommen haben.27

Neben der Abflusssaisonalität haben sich auch die hydrologischen Extremereignisse verändert: Trockenheit und hohe Wassertemperaturen sind häufiger und intensiver geworden.28 Veränderungen im Hochwassergeschehen sind weniger eindeutig erkennbar, da Hochwasser natürlicherweise stark von Jahr zu Jahr schwanken und zusätzliche Schutzmassnahmen Wirkung zeigen.29

C) Biodiversität

Der Trend, dass Arten durch die Klimaerwärmung ihre Verbreitung in die Höhe verschieben, hat sich fortgesetzt und sich parallel zur Erwärmung der letzten Jahrzehnte noch verstärkt.30, 31 Im Gipfelbereich, im Bergwald und an der Baumgrenze ist dieser Trend besonders ausgeprägt.32, 33, 34 Die Folgen sind eine Zunahme von Arten, die wärmere Bedingungen bevorzugen, sowie eine längere Vegetationsperiode durch früher einsetzendes Pflanzenwachstum.35 Die Alpen sind grüner geworden.36

Dabei gibt es grosse Unterschiede in der Geschwindigkeit, mit der Arten in die Höhe wandern.31, 37 Die meisten Arten wandern zu langsam, um ihre gewohnten Klimabedingungen zu behalten. Nur mobile Arten wie Reptilien, Vögel und terrestrische Insekten können mit der Temperaturänderung mehr oder weniger Schritt halten.31, 38

Der Klimawandel führte so zum Verlust von Lebensräumen kälteangepasster Arten. Dadurch ist ein langfristiger Anstieg des Aussterberisikos zu beobachten, insbesondere für Arten mit begrenzten Ausbreitungsmöglichkeiten oder für solche, die unter zunehmender Konkurrenz leiden (z. B. das SchneehuhnF).39, 40, 41 In den Alpen verschärfen landwirtschaftliche Nutzungsänderungen den Druck auf die Gebirgsbiodiversität zusätzlich – so etwa die Aufgabe von bisher genutzten Flächen in höheren Lagen, die Intensivierung in den Tieflagen sowie das Vorrücken des Bergwaldes.32, 42

D) Wald

Die Abfolge der extremen Hitze- und Trockenjahre 2015, 2018, 2019, 2022 und 2023 hat zu grossflächigen Schäden im Wald geführt.43, 44 In weiten Teilen der Schweiz waren nicht nur empfindliche Baumarten wie die Fichte und immer häufiger auch die Buche45 betroffen, sondern auch viele andere Baumarten wie z. B. die Weisstanne.46

Die durch Hitze und Trockenheit geschwächten Wälder sind nicht nur anfälliger geworden gegenüber Störungen wie Waldbrand und Sturm, sondern auch gegenüber Krankheiten und Schädlingen, die sich bei erhöhten Temperaturen besser entwickeln können.46 Folgen waren beispielsweise Schädigungen durch Borkenkäfer in Fichtenwäldern Zentraleuropas in noch nie gesehenem Ausmass47 oder die weitere Verbreitung besonders problematischer Arten wie des Asiatischen Laubholzbockkäfers.46 Durch solche Folgen wird die Fähigkeit von Wäldern gefährdet, auch weiterhin als Kohlenstoffsenke zu wirken.48

E) Eis und Schnee

Der zunehmende Einfluss des Klimawandels auf die Kryosphäre in den Schweizer Alpen zeigt sich in den Messdaten.49, 50, 51, 52 Der generelle Trend hat sich fortgesetzt und teilweise beschleunigt: So haben die Dauer und Mächtigkeit der winterlichen Schneedecke abgenommen,26, 54 die Gletscher haben an Masse verloren und sind weiter zurückgegangen, der Permafrost hat sich erwärmt und das Bodeneis hat abgenommen.

Für Schnee, Gletscher und Permafrost wurden in den Jahren 2022 und 2023 wiederholt neue Rekordwerte im Vergleich zu den langjährigen Messreihen verzeichnet: Die Schneedecke war noch nie so geringmächtig wie im Winterhalbjahr 2022/2023.411 Die Gletscher haben in den Jahren 2022 und 2023 die höchsten, respektive zweithöchsten Schmelzraten erlebt. Im Permafrost wurden nach den Hitzesommern 2022 und 2024 Rekordwerte der Bodentemperaturen und der Dicke der sommerlichen Auftauschicht gemessen.49, 50, 51, 52, 54 Zwischen den Perioden 1961–1990 und 1991–2020 sank die Zahl der Schneefalltage um etwa 7–12 Tage je nach Region.9 Dies entspricht einem Rückgang von 30–40 % im Schweizer Mittelland.9

Die Degradation des Permafrosts trägt zur Abnahme der Stabilität von steilen Gebirgsflanken bei und führt zu einer Vergrösserung von mobilisierbarem Lockermaterial. Bei einigen Rutschungen (z. B. Moosfluh am Grossen Aletschgletscher 2016), Murgängen oder Bergstürzen aus Permafrost wird ein Zusammenhang mit Erwärmung und Eisverlust vermutet (z. B. Pizzo Cengalo 2017409, Piz Scerscen 2024410).

F) Landwirtschaft und Ernährungssystem

Der Temperaturanstieg hat zu einer Verlängerung der Vegetationsperiode um 2–4 Wochen seit 196110 und zu einer Ausweitung der für den Ackerbau potenziell günstigen Flächen geführt.56

Aufgrund der anhaltenden Tendenz zu trockeneren Sommerhalbjahren litten Sömmerungsgebiete in den Alpen und im Jura zunehmend unter Wasserknappheit.57

Neben der Trockenheit haben in den letzten Jahren auch starke Regenfälle, Hagel und Spätfröste die landwirtschaftliche Produktion beeinträchtigt und in einigen Fällen erhebliche wirtschaftliche Schäden verursacht.58 Die Folgen steigender Temperaturen auf die jahreszeitliche Entwicklung der Pflanzen und das Auftreten von Frost haben das Risiko von Frostschäden an Obstpflanzen in höheren Lagen der Schweiz bereits erhöht, in tieferen Lagen jedoch unverändert gelassen.

Die ansteigende Häufigkeit von Hitzeperioden hat zudem die Hitzebelastung für Nutztiere erhöht, mit Folgen für ihr Wohlbefinden und ihre Produktivität.60

G) Gesundheit

Die steigenden Temperaturen und häufiger auftretende Hitzeperioden haben zu einer erhöhten hitzebedingten Sterblichkeits- und Krankheitslast sowie einer geringeren Arbeitsproduktivität geführt. Mehrere hundert Todesfälle wurden in den letzten Jahren während dem Sommer auf die Hitze zurückgeführt.61, 62, 63 60 % dieser hitzebedingten Todesfälle wären ohne Klimawandel nicht eingetroffen.63
Das Risiko für hitzebedingte Gesundheitsauswirkungen für die Bevölkerung steigt vor allem in Städten und für besonders gefährdete Gruppen wie ältere Menschen, Personen mit chronischen Krankheiten (bei Herzkreislauf, Atemwegen, Nieren, psychischen Erkrankungen u. a), Schwangere und (Klein-)Kinder sowie Personen, die im Freien arbeiten.61, 64, 65

Bei verschiedenen Infektionskrankheiten hat sich die Übertragbarkeit verändert (z. B. durch Zecken oder Stechmücken). Ausserdem hat sich die Tigermücke bereits in einigen Regionen der Schweiz ausgebreitet, wodurch das Risiko der Übertragung verschiedener Infektionskrankheiten gestiegen ist.G, 66, 67

Gesundheitsrelevant sind auch erhöhte Konzentrationen schädlicher Luftschadstoffe sowie eine länger andauernde, intensivere und früher beginnende Pollensaison, welche die Belastung empfindlicher Personen entsprechend erhöht und verlängert hat.68, 69

H) Urbaner Raum und Infrastrukturen

Urbane Regionen und insbesondere Städte sind aufgrund des «Wärmeinseleffekts» durch häufigere Hitzeperioden stärker belastet.70 Die dichte Bebauung und der geringe Vegetationsbestand haben dazu geführt, dass sich Städte stärker aufheizen als ländliche Gebiete und nachts deutlich schlechter abkühlen.70

Aufgrund der milderen Winter ist der Heizbedarf gesunken, was bereits heute zu einer Reduktion der CO2-Emissionen beiträgt, da weniger mit fossilen Brennstoffen geheizt wird. Dafür ist der Elektrizitätsbedarf für Kühlung kontinuierlich gestiegen.71, 72

Durch die starke Flächenversiegelung in den Städten kann das Regenwasser bei den heute schon häufiger auftretenden Starkregenereignissen teilweise nicht mehr ausreichend versickern.73 Dies erhöht die Hochwassergefahr und belastet die Kanalisation und Kläranlagen.73

Die Infrastruktur ist direkt durch Schäden aufgrund zunehmender Extremereignisse betroffen. Insbesondere wurden Verkehrswege, aber auch Stromnetze durch Extremereignisse in Mitleidenschaft gezogen (z. B. Mattertal 2024, Misox 2024).74

I) Wirtschaft und Gesellschaft

Die höheren Temperaturen haben zu einer geringeren Arbeitsproduktivität geführt, was die Schweiz bereits heute jährlich schätzungsweise rund 665 Millionen Franken kostet.H, 75

Der Tourismus in Berggebieten ist durch den Rückgang der Schneebedeckung im Winter, die Zunahme von Naturgefahren und den stark erhöhten Wasserbedarf für die Kunstschnee-Erzeugung vom Klimawandel betroffen.26, 53, 76, 77, 78 Der erhöhte Wasserbedarf gerät in Konflikt mit der Trinkwasserversorgung53 und der Rückgang der Schneebedeckung zwingt bereits heute tiefer gelegene Skiorte zur Umstrukturierung des Angebots.76

In den vergangenen Jahrzehnten kam es in der Schweiz aus verschiedenen Gründen zu einer Zunahme von Schadenfällen und -kosten, die durch Wetterextreme verursacht wurden.79, 80, 81 Grund für diese hohen Kosten sind vorwiegend sozioökonomische Faktoren wie die Zunahme der versicherten Werte und deren Verwundbarkeit, z. B. durch Bauten in Gefahrengebieten.79

Ein weiterer Einfluss auf die Schweizer Wirtschaft sind klimabedingte Schäden an Produktionsstätten im Ausland und damit verbundene Produktionsrückgänge oder Unterbrechungen von Lieferketten.74

1.3 Bisheriger Minderungsfortschritt

Die globalen Treibhausgasemissionen nehmen jährlich zu, das Wachstum hat sich jedoch in den letzten 25 Jahren verlangsamt. Um eine globale Erwärmung von 1,5 °C nicht zu überschreiten, müssten die globalen, von Menschen verursachten Netto-CO2-Emissionen bis 2030 um etwa 45 % gegenüber 2010 sinken und um das Jahr 2050 den Netto-Nullpunkt erreichen. In den meisten europäischen Ländern sind die produktionsbasierten Pro-Kopf-Emissionen in den letzten zehn Jahren zwar zurückgegangen, jedoch liegt die Rückgangsrate immer noch weit unter dem Niveau, das mit einer Erreichung der Ziele des Übereinkommens von Paris vereinbar wäre.

1.3.1 Global

Die globalen Treibhausgasemissionen wurden für das Jahr 2024 auf rund 58 ± 5 Gt CO2eq geschätzt. Dies entspricht einer Erhöhung um 13 % gegenüber 2010 und 53 % gegenüber 1990.195 Die globalen Treibhausgasemissionen nehmen jährlich zu (Ausnahme: im Jahr 2020 während der COVID-19-Pandemie) und eine Trendwende ist nicht in Sicht.84 Der grösste Anteil und das grösste Wachstum der Brutto-Treibhausgasemissionen stammt von CO2 aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe und industriellen Prozessen, gefolgt von Methan. Die Wachstumsrate der Treibhausgasemissionen sank von 2,1 % pro Jahr zwischen 2000 und 2009 auf 1,3 % pro Jahr zwischen 2010 und 2019.83 Vorläufige Schätzungen, die auf den verfügbaren Daten basieren, deuten darauf hin, dass die fossilen CO2-Emissionen im Jahr 2025 noch um 1,1 % im Vergleich zu 2024 gestiegen sind.84

Das Übereinkommen von Paris wurde im Jahr 2015 von 197 Staaten und der Europäischen Union, also insgesamt 198 Vertragsparteien, unterzeichnet.85 Das Übereinkommen hat das Ziel, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 °C, möglichst auf 1,5 °C, im Vergleich zur vorindustriellen Referenzperiode zu begrenzen. Um eine globale Erwärmung von 1,5 °C nicht zu überschreiten, müssten Modellrechnungen zufolge die globalen, von Menschen verursachten Netto-CO2-Emissionen bis 2030 um etwa 45 % gegenüber 2010 sinken und um das Jahr 2050 den Netto-Nullpunkt erreichen. Um die globale Erwärmung auf 2 °C zu begrenzen, müssten die CO2-Emissionen bis 2030 Modellrechnungen zufolge um etwa 25 % gegenüber 2010 zurückgehen und um 2070 auf netto null sinken.86

1.3.2 Europa

In den meisten europäischen Ländern sind die produktionsbasierten Pro-Kopf-Emissionen in den letzten zehn Jahren zurückgegangen.87 In einigen Ländern (inkl. DE, FR, UK, IT, ESP) sind auch die konsumbasierten Emissionen gesunken.84, 88

Dieser Emissionsrückgang erfolgte parallel zu einem anhaltenden Wirtschaftswachstum.89 Dies deutet auf eine Entkopplung von Emissionen und Wirtschaftswachstum hin. Mit Ausnahme Dänemarks und des Vereinigten Königreichs, wo die Emissionen seit ihrem Höchststand um fast 50 % zurückgegangen sind, liegt die Rückgangsrate aber immer noch weit unter dem Niveau, das mit einer Begrenzung der durchschnittlichen globalen Erwärmung auf 1,5 °C vereinbar wäre.84, 87, 90

Klimapolitische Massnahmen auf EU- und nationaler Ebene haben zu dem beobachteten Rückgang der Emissionen in ganz Europa beigetragen. Zu diesen Massnahmen gehören Emissionsnormen für Gebäude und Fahrzeuge, Energieeffizienzstandards für Haushaltsgeräte und andere Maschinen, Fördermassnahmen für kohlenstoffarme Technologien wie erneuerbare Energieerzeugung und Elektrofahrzeuge sowie Mechanismen zur Bepreisung von Kohlenstoff, wie beispielsweise Kohlenstoff-Steuern auf nationaler Ebene oder das EU-Emissionshandelssystem.87, 91, 92

1.3.3 Schweiz

Die produktionsbasierten Treibhausgasemissionen der Schweiz sind zwischen 1990 und 2023 um rund 26,1 % gesunken, die produktionsbasierten Pro-Kopf-Emissionen um 44 %.100 Der Hauptgrund für diese Reduktion der Emissionen zwischen 1990 und 2023 war ein Rückgang der Energieintensität (Energieverbrauch pro BIP) um etwa die Hälfte, gefolgt von einem Rückgang der Kohlenstoffintensität (CO2-Emissionen pro Energieverbrauch) um rund 20 %.88, 101, 102 Seit 1990 folgt die Entwicklung der produktionsbasierten CO2-Emissionen in der Schweiz im Wesentlichen derselben Tendenz wie jene in Europa (siehe Abbildung 5). In Bezug auf die Reduktion ihres CO2-Fussabdrucks (ohne andere Treibhausgase) schneidet die Schweiz jedoch schlechter ab als eine Reihe ihrer Nachbarländer oder Länder mit einem ähnlichen Entwicklungsstand (Deutschland, Österreich, Belgien, Bulgarien, Kroatien, Dänemark, Spanien, USA, Finnland, Frankreich, Ungarn, Irland, Italien, Niederlande, Portugal, Rumänien, Schweden).103 Die Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Emissionen, die in mehreren Ländern in der EU beobachtet werden kann, trifft also auf die Schweiz nicht im gleichen Ausmass zu.87, 103

CO2-Emissionsverlauf pro Kopf global, in Europa und in der Schweiz

Abbildung 5a: Vergleich des zeitlichen Verlaufs der ­normalisierten, produktionsbasierten Pro-Kopf-CO2-Emissionen global, in Europa und in der Schweiz. Während ein leichter Rückgang in Europa und der Schweiz zu beobachten ist, stagnieren die weltweiten Emissionen.104 Trotz des Rückgangs der produktionsbasierten Emissionen befinden sich die konsumbasierten (totalen) Pro-Kopf-CO2-Emissionen der Schweiz weiterhin 2,5- bis 3-mal über dem weltweiten Durchschnitt.105, 412

Totaler CO2-Emissionsverlauf global, in Europa und in der Schweiz (normalisiert)

Abbildung 5b: Vergleich des zeitlichen Verlaufs der ­normalisierten, produktionsbasierten totalen CO2-Emissionen global, in Europa und in der Schweiz. Während ein leichter Rückgang in Europa und der Schweiz zu beobachten ist, steigen die weltweiten Emissionen.104

Die importbasierten Treibhausgasemissionen der Schweiz sind heute mehr als doppelt so hoch wie die produktionsbasierten, da die Schweiz eine Nettoimporteurin von Gütern ist (siehe Abbildung 6). Die importbasierten Emissionen sind seit dem Jahr 2000 etwa konstant geblieben.

Produktionsbasierter und importbasierter Treibhausgasfussabdruck der Schweiz pro Kopf

Abbildung 6a: Pro-Kopf Treibhausgasfussabdruck der Schweiz.15 Während ein leichter Rückgang der inländischen (produktionsbasierten) ­ Emissionen zu beobachten ist, bleiben die importbasierten Emissionen auf einem hohen Niveau konstant.

Totaler produktionsbasierter und importbasierter Treibhausgasfussabdruck der Schweiz

Abbildung 6b: Absoluter Treibhausgasfussabdruck der Schweiz.15 Während ein leichter Rückgang der inländischen (produktionsbasierten) ­ Emissionen zu beobachten ist, bleiben die importbasierten Emissionen auf einem hohen Niveau konstant.

Die konsumbasierten Treibhausgasemissionen sind gemäss den Zahlen des Bundesamts für Statistik (BFS) seit dem Jahr 2000 total um etwa 10 % und pro Kopf um 30 % zurückgegangen.15 Die konsumbasierten (totalen) Emissionen umfassen hierbei die Summe der importbasierten und der produktionsbasierten Emissionen, abzüglich der exportbasierten Emissionen. Aufgrund der konstant gebliebenen importbasierten Emissionen ist somit der Rückgang vor allem den produktionsbasierten Emissionen zuzuschreiben. Die Einschätzung der Änderung der konsumbasierten Emissionen der Schweiz hängt jedoch von der gewählten Daten- und Berechnungsgrundlage ab. Ein Blick auf andere Quellen deutet im Gegensatz zu den BFS-Resultaten teilweise auf ein schwaches Wachstum der totalen konsumbasierten Emissionen (+1,3 % pro Jahr)105 hin, oder aber auf einen nur leichten Rückgang (–0,35 % pro Jahr).15

Sektoraler Emmissionsverlauf der Schweiz

Abbildung 7: Entwicklung der produktionsbasierten Treibhausgasemissionen nach Sektoren (importbasierte Emissionen und Emissionen des Flug- und Schiffsverkehrs sind nicht enthalten).12

Zu den Sektoren, in denen die Treibhausgasemissionen vor allem aufgrund von Effizienzsteigerungen deutlich zurückgegangen sind, gehören der Industrie- und Gebäudesektor. Im Industriesektor führten ausserdem die Schliessungen emissionsintensiver Unternehmen seit 1990 zu einem Emissionsrückgang (z. B. in der Aluminium-, Ammoniak- und Zementproduktion). Die Emissionen der Landwirtschaft, die hauptsächlich aus Methan und Lachgas bestehen, sind ebenfalls gesunken, jedoch weniger stark. Die Emissionen im Verkehrssektor sind aufgrund des gestiegenen Verkehrsaufkommens und der schwereren Fahrzeuge bis etwa 2008 noch angestiegen und lagen 2023 erst leicht unter dem Wert von 1990.12 Ein weiterer möglicher Grund für den stärkeren Rückgang der Emissionen im Industrie- und Gebäudesektor im Vergleich zum Verkehrssektor liegt in der unterschiedlichen Besteuerung: Die seit 2008 geltende CO2-Abgabe der Schweiz gilt für fossile Brennstoffe wie Heizöl und Erdgas, nicht jedoch für Treibstoffe wie Benzin und Diesel. Dadurch sind die Anreize zur Emissionsreduktion im Verkehrssektor schwächer als im Industrie- und Gebäudesektor.106 Die Emissionen des internationalen Flugverkehrs haben im Verlaufe der letzten 30 Jahre insgesamt zugenommen (mit vorübergehenden Rückgängen z. B. während COVID) und lagen 2019 über 85 % höher als 1990.100 Eine Trendwende ist aktuell nicht in Sicht.

Infobox 2: Klimapolitik in der Schweiz

Der Weg zum Netto-Null-Treibhausgas-Ziel 2050 der Schweiz wird in der langfristigen Klimastrategie93 aufgezeigt und ist gesetzlich im Klima- und Innovationsgesetz (KlG)94 verankert.95 Das KlG bildet den gesetzlichen Rahmen der mittel- bis längerfristigen Klimapolitik. Es legt etappenweise Treibhausgasreduktionsziele bis 2050 sowie Richtwerte für die Sektoren Gebäude, Verkehr (ohne internationale Luft- und Schifffahrt) und Industrie fest. Bund und Kantone sollen dabei eine Vorbildrolle einnehmen und bereits im Jahr 2040 mindestens Netto-Null-Treibhausgasemissionen aufweisen (inkl. Scope 3). Für Unternehmen gilt das Netto-Null-Ziel 2050 (Scope 1 und Scope 2). Zur Erreichung der Emissionsreduktionen setzt das KlG auf Anreize und Beratungsangebote und verzichtet auf Verbote. Unterstützt wird insbesondere der Umstieg auf klimafreundliche Heizungen im Rahmen des Impulsprogramms für klimafreundliche Gebäude sowie die Förderung neuartiger Technologien und Prozesse in Unternehmen. Die Klimaschutz-Verordnung (KlV)96 konkretisiert die Rahmenbedingungen dieser Programme sowie die im Gesetz vorgesehenen Instrumente (u. a. Kriterien für Finanzhilfen, die Schaffung eines Netzwerks im Bereich «Anpassung an den Klimawandel», freiwillige Klimatests für Finanzinstitute). Die konkreten Massnahmen zur Umsetzung der Ziele des KlG werden im CO2-Gesetz und in weiteren Gesetzen geregelt.

Das CO2-Gesetz97 umfasst den gesetzlichen Rahmen für die kurzfristige Klimapolitik der Schweiz. Im Gesetz ist festgeschrieben, dass die Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber 1990 mindestens halbiert und im Durchschnitt zwischen 2021–2030 um 35 % reduziert werden sollen. Zwei Drittel dieser Reduktionen sollen im Inland stattfinden. Für das restliche Drittel setzt die Schweiz auf Emissionsreduktionen im Ausland (siehe Infobox 5 und Kapitel 3.2.2 A). Ausserdem regelt das CO2-Gesetz konkrete Massnahmen zur Reduktion von Treibhausgasen in der Schweiz, unter anderem die CO2-Abgabe, das Gebäudeprogramm und das Emissionshandelssystem. Eine Revision des CO2-Gesetzes ab 2030 ist in Vorbereitung. Die Vorlage soll ein zusätzliches Emissionshandelssystem für die Sektoren Gebäude und Verkehr vorsehen. Zusätzlich will der Bund den Ausbau der CO2-Entnahme und -Speicherung mit einem neuen Rahmengesetz beschleunigen.

In Übereinstimmung mit dem Übereinkommen von Paris98 muss die Schweiz zudem auf internationaler Ebene alle fünf Jahre neue Emissionsreduktionsziele (engl. «Nationally Determined Contributions», NDCs) vorlegen, die ambitionierter sind, als die vorherigen. So wurde die langfristige Klimastrategie im Januar 2025 durch die neuesten Schweizer NDCs 2031–2035 ergänzt.99 Die Ziele sehen eine Emissionsreduktion gegenüber 1990 um mindestens 65 % vor und im Durchschnitt der Jahre 2031–2035 sollen die Emissionen um 59 % gesenkt werden. Grundlage für die Berechnung der Emissionsreduktionsziele nach dem Übereinkommen von Paris sind die produktionsbasierten Emissionen eines Unterzeichnerstaats. Im Fall der Schweiz bedeutet dies, dass rund zwei Drittel der durch die Schweizer Endnachfrage verursachten Emissionen in den nationalen Zielen nicht miteinberechnet sind. Als Ausgangspunkt für ihre Zielformulierung bezieht sich die Schweiz auf ihr aktuelles Treibhausgasinventar, legt jedoch kein Kohlenstoffbudget fest (siehe Infobox 1 und Kapitel 2.1.1).

1.4 Bisheriger Anpassungsfortschritt

Trotz einiger Fortschritte können die derzeit weltweit ergriffenen Anpassungsmassnahmen mit dem Klimawandel nicht Schritt halten. Grenzen der Anpassungsfähigkeit, beispielsweise aufgrund zu starker oder zu rascher Veränderungen, wurden bereits beobachtet und sind in einigen Ökosystemen und Regionen erreicht worden, beispielsweise bei Korallenriff-Ökosystemen oder beim Verlust von Gletschern. In der Schweiz werden vorwiegend sektorspezifische Anpassungsstrategien wie Hitzeaktionspläne, Frühwarnsysteme für Naturgefahren oder Bewässerungssysteme zur nachhaltigen Wassernutzung umgesetzt. Erste sektorübergreifende Anpassungsprojekte sind im Gange.

1.4.1 Global

In den letzten Jahren haben die Planung und Umsetzung von Anpassungsmassnahmen in verschiedenen Sektoren und Regionen weltweit zugenommen. Es gibt viele dokumentierte, wirksame Optionen zur Minderung von Klimaauswirkungen und -risiken für verschiedene Kontexte, Sektoren und Regionen.1 (Ch. A.3) Trotz erheblicher Fortschritte können die derzeitigen Anpassungsmassnahmen jedoch nicht mit dem fortschreitenden Klimawandel Schritt halten.1 (Ch. A.3) Das führt zu einem wachsenden Anpassungsdefizit.

Grenzen der Anpassungsfähigkeit, z. B. aufgrund zu starker oder zu rascher Veränderungen, wurden schon beobachtet und sind in einigen Ökosystemen und Regionen bereits erreicht (z. B. bei Korallenriff-Ökosystemen).107 Das deutet darauf hin, dass diese Ökosysteme und Regionen bei der weiteren Anpassung an den Klimawandel vor besonderen Herausforderungen stehen könnten bzw. keine weitere Anpassung mehr möglich ist.1, 108

Darüber hinaus kommt es in einigen Sektoren und Regionen zu Fehlanpassungen, die häufig soziale Ungleichheiten verstärken.108 (Ch. TS.D.3) Beispielsweise können Küstenschutzmauern zwar kurzfristig Menschen und Infrastruktur schützen, langfristig jedoch das Klimarisiko erhöhen, da in diesen geschützten Gebieten immer mehr gebaut wird und die Umweltgefahren zunehmen. Ausserdem stören oder beschädigen solche Bauwerke oft die Küstenökosysteme.1 (Ch. B.4.3)

Infobox 3: Grenzen der Anpassung

Anpassungsgrenzen sind erreicht, wenn Menschen, Organisationen oder ganze Systeme sich nicht mehr wirksam an veränderte Bedingungen anpassen können, um sich vor ernsten oder untragbaren Risiken zu schützen.109 Von untragbaren Risiken spricht man, wenn durch die Auswirkungen einer Veränderung grundlegende gesellschaftliche oder persönliche Werte bedroht sind. Dazu zählen beispielsweise die öffentliche Sicherheit, der Erhalt kultureller Traditionen, die Einhaltung von Rechtsnormen oder das Vertrauen in gesellschaftliche Abmachungen, auch Gesellschaftsvertrag genannt.110

Anpassungsgrenzen können weich oder hart sein. Weiche Anpassungsgrenzen treten auf, wenn zwar Möglichkeiten zur Anpassung an ein Risiko bestehen, diese aber aktuell nicht umsetzbar oder verfügbar sind. Ein Beispiel dafür ist der Schutz vor zunehmender Hitzebelastung in Städten: Technisch wäre eine stärkere Begrünung, Entsiegelung oder bauliche Anpassung möglich, doch begrenzte finanzielle Mittel, fehlende Flächen und lange Planungsverfahren verhindern oft eine rasche Umsetzung. Harte Anpassungsgrenzen hingegen sind erreicht, wenn es keine realistischen oder wirksamen Anpassungsmöglichkeiten mehr gibt. Ein Beispiel aus der Ökologie ist die Wanderung kälteliebender alpiner Pflanzenarten in die Höhe: Eine harte Anpassungsgrenze ist dabei die Bergspitze.

Je weniger wirksam die Anstrengungen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen sind, desto stärker muss in Anpassung investiert werden – und desto eher werden Grenzen der Anpassung erreicht, auch durch das Zusammenwirken verschiedener Einschränkungen, etwa ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Art,111 auch in der Schweiz.

1.4.2 Europa

Bis 2020 verfügten mehr als 30 Staaten in Europa über eine nationale Anpassungsstrategie oder einen nationalen Anpassungsplan.108 Auf regionaler Ebene wurde 2021 die Europäische Anpassungsstrategie verabschiedet, deren Schwerpunkt auf einer datengestützten, schnelleren und systematischeren Anpassung liegt.112, 113

Bereits 51 % der europäischen Städte verfügen über spezifische Klimaanpassungspläne und haben mit deren Umsetzung begonnen (2018 waren es nur 26 %). Viele Städte setzen verstärkt auf Massnahmen wie klimaresistente Gebäude, naturbasierte Lösungen (engl. «Nature-Based Solutions») und technologische Frühwarnsysteme.114

Trotz dieser Entwicklungen schreitet die Anpassung immer noch zu langsam voran oder verläuft gar rückwärts. Die wirtschaftlichen Verluste durch wetter- und klimabedingte Extremereignisse sind stärker angestiegen als die Wirtschaft gewachsen ist.115 Ausserdem besteht nach wie vor ein Mangel an Daten zu den wichtigsten Klimaindikatoren und deren europaweit koordinierte Erfassung ist nicht gewährleistet.116

1.4.3 Schweiz

Die Schweiz hat in verschiedenen Sektoren und in geringerem Umfang auch sektorübergreifend Anpassungmassnahmen unternommen, nicht zuletzt, um auf unterschiedliche Extremereignisse und deren Folgen zu reagieren (siehe Abbildung 8).

Anzahl der Anpassungsmassnahmen pro Klimarisiko

Abbildung 8: Anzahl der Anpassungsmassnahmen pro klimabedingtem Risiko. Die Grafik zeigt, wie viele in der Schweiz umgesetzte oder geplante Anpassungsmassnahmen mit jeder Risikokategorie verbunden sind (Risikokategorien nach Köllner et al.117 Daten basierend auf einer Datenbank des NCCS-Impacts Projekts «Kosten der Auswirkungen des Klimawandels in der Schweiz»)

Um den steigenden Temperaturen und der durch den städtischen Wärmeinseleffekt verursachten überdurchschnittlichen Erwärmung von Städten entgegenzuwirken, wurden in der Schweiz bereits verschiedene Massnahmen ergriffen. Zunächst standen Hitzeaktionspläne und Aufklärungskampagnen im Vordergrund. Diese sollen die Bevölkerung über die Gesundheitsrisiken von Hitzeperioden informieren und Hinweise zum richtigen Verhalten bei hohen Temperaturen geben.118, 119 In den letzten Jahren wurden die Anpassungsbemühungen zunehmend auf bauliche Massnahmen ausgeweitet, um den städtischen Wärmeinseleffekt langfristig zu verringern. Dazu gehören insbesondere die Schaffung von mehr grüner Infrastruktur (z. B. Bäume, Parks oder begrünte Dächer) sowie der Einsatz reflektierender Oberflächen, die weniger Wärme speichern und dadurch eine Senkung der Umgebungstemperatur bewirken.

Das Monitoring der hitzebedingten Todesfälle in der Schweiz deutet darauf hin, dass sich die Bevölkerung zwischen 1980 und 2023 bereits teilweise an höhere Temperaturen angepasst hat. Trotz steigender mittlerer Sommertemperatur und der alternden Bevölkerung nimmt die Anzahl hitzebedingter Todesfälle pro 100 000 Einwohnenden tendenziell ab (siehe Abbildung 9), wobei Hitze weiterhin die Naturgefahr mit den meisten Todesopfern in der Schweiz bleibt.120 Die Anpassung an steigende Temperaturen betrifft jedoch vor allem Tage mit moderat hohen Temperaturen, an denen die Sterblichkeit zuletzt nicht mehr mit zunehmender Temperatur gestiegen ist. An Tagen mit hohen oder sehr hohen Durchschnittstemperaturen ist hingegen weiterhin ein Anstieg der Sterblichkeit zu beobachten.120

Um den zunehmenden Überschwemmungsrisiken und gravitativen Gefahren wie Murgängen und Steinschlag zu begegnen, wurden Frühwarnsysteme entwickelt, die sowohl die Bevölkerung als auch die Infrastrukturverantwortlichen alarmieren. Diese Systeme werden jetzt auf weitere Gefahren ausgeweitet, darunter extreme Wetterereignisse, Dürren und Wasserknappheit (mehr Infos dazu auf drought.ch).122 Neben technischen Schutzmassnahmen setzt die Schweiz seit Langem auf naturbasierte Lösungen, beispielsweise auf Schutzwälder an steilen Hängen, um Steinschlagrisiken zu verringern.123

Als Reaktion auf Änderungen der Wasserverfügbarkeit wurden die Nutzung von Bewässerungssystemen ausgebaut und klimaresistente Pflanzensorten eingeführt.124 Diese Massnahmen sollen die Lebensmittel- und Energiesicherheit aufrechterhalten und gleichzeitig die ökologischen Auswirkungen der intensiveren Wassernutzung minimieren.

Neben diesen sektorspezifischen Anpassungen gibt es auch erste Ansätze für sektorübergreifende Anpassungen.125, 126 Projekte zur Renaturierung von Flüssen127 bieten beispielsweise sektorübergreifende Vorteile für den Hochwasserschutz, die Biodiversität und die Erholung und zeigen das Potenzial multifunktionaler, systemischer Ansätze auf.

Verlauf der hitzebedingten Todesfälle in der Schweiz

Abbildung 9: Veränderung der hitzebedingten Todesfälle pro 100 000 Einwohnende im Zeitraum 1980–2023. Der Rückgang in den letzten Jahren kann zumindest teilweise auf die neu eingeführten Anpassungsmassnahmen zurückgeführt werden.121

Brennpunkt Klima Schweiz

Diese Website verwendet Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Nähere Informationen dazu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung. Durch Anklicken des Buttons stimmen Sie dieser und der Verwendung von Cookies zu.
OK Datenschutz