3.1 Allgemeine Grundsätze
Die durch den Klimawandel verursachten wirtschaftlichen Verluste werden bis 2100 auf 10–23 % des globalen BIP eingeschätzt. Eine deutliche und rasche Verlagerung der Investitionen hin zu kohlenstoffarmen und klimaresilienten Technologien und Infrastrukturen wird als zentral zur Verringerung dieser Risiken angesehen. Zudem können politische Massnahmen die Resilienz der Gesellschaft stärken und deren Vulnerabilität gegenüber Klimarisiken verringern. Klare Ziele, sektorübergreifende Koordination und integrative Gouvernanz-Prozesse fördern wirksame Klimaschutzmassnahmen. Auch eine ebenenübergreifende Zusammenarbeit inklusive Koordination auf der internationalen Ebene sind wichtig, um Gerechtigkeitsfragen zu klären. Erfolgreich implementierte Klimaschutzmassnahmen können ausserdem synergetisch zur Erreichung anderer Ziele beitragen, beispielsweise zu Nachhaltigkeitszielen (SDGs).
3.1.1 Investitionen und staatliches Handeln
Eine deutliche und rasche Verlagerung der Investitionen hin zu Technologien und Infrastrukturen, die sowohl kohlenstoffarm als auch klimaresistent sind, würde die Verluste und Schäden für Menschen und Ökosysteme verringern.1 (Ch. C.2, Ch. C.6) Die Verluste aufgrund von Temperatureinflüssen werden laut IPCC-Bericht mit 10–23 % des globalen BIP bis 2100 höher eingeschätzt als bisher.108 (Fig. TS.AII.2) Eine breite Akzeptanz für Innovationen zu erreichen, braucht jedoch Zeit. Dies kann zu Verzögerungen bei Minderungs- sowie Anpassungsmassnahmen führen, welche wiederum erhebliche finanzielle Verluste zur Folge haben. Zudem werden langlebige Infrastrukturen zunehmend anfällig für die Auswirkungen des Klimawandels, was weiter zur Schadenssumme beiträgt.
In den letzten zehn Jahren sind viele Möglichkeiten für eine rasche Dekarbonisierung entstanden und kostengünstig geworden, z. B. in den Bereichen erneuerbare Energien und Elektrifizierung von Heizung und Verkehr. Dies ist grösstenteils das Ergebnis der Klima- und Energiepolitik, beispielsweise von direkter Technologieförderung, Regulierungsstandards und der Bepreisung von Kohlenstoff.91 Sektorale Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels, insbesondere in den Sektoren Verkehr, Wohnen und Landwirtschaft, haben einen erheblichen (auch finanziellen) Zusatznutzen, vor allem im Hinblick auf die menschliche Gesundheit (z. B. geringere Luftverschmutzung, aktiverer Lebensstil).1 (Ch. C.2)
Die Koordination staatlichen Handelns auf mehreren Ebenen von lokal bis global und der Einbezug von Zivilgesellschaft und Privatsektor spielen eine entscheidende Rolle für die Ermöglichung und Beschleunigung von Klimaschutzmassnahmen.204, 205 Gemeinsame Netzwerke, Workshops und Partnerschaften zwischen öffentlichen Institutionen auf mehreren Ebenen, der Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft, sind mögliche Formen von integrativen Planungs- und Entscheidungsprozessen. Die Einbindung diverser Interessen und lokalen Wissens fördert insbesondere die Akzeptanz und Umsetzung von Klimaschutzmassnahmen.1 (Ch. C.6.5)
Der Einsatz klimapolitischer Massnahmen hat sich vergrössert und bereits einen messbaren Unterschied bei der Verringerung der Treibhausgasemissionen sowie bei der Förderung der notwendigen systemischen Veränderungen bewirkt. Beispielsweise haben politische Massnahmen in einigen Ländern den Ausbau erneuerbarer Energien verstärkt, die Energieeffizienz verbessert, die Entwaldung verringert und die Einführung neuer Technologien beschleunigt.1 (Ch. A.4.1)
3.1.2 Gouvernanz und Strategien
Ein Mix aus verschiedenen politischen Instrumenten, die sich gegenseitig unterstützen, hat sich als wirksamer erwiesen als einzelne Instrumente, um schnell die Emissionen zu senken.91 Ein Beispiel für einen solchen Mix ist die Kombination von Vorschriften wie Emissionsstandards, technologischer Unterstützung wie Subventionen und marktbasierten Massnahmen wie CO2-Steuern.91 Wie genau die Instrumente kombiniert werden, hängt von sektorspezifischen Faktoren, der Regierungsfähigkeit und der Unterstützung durch die Bevölkerung ab.206 Die Regierungsfähigkeit beschreibt nicht nur die formale Autorität einer Entscheidungsperson. Sie hängt auch von deren politischer Legitimität, der Stärke der Institutionen, den verfügbaren Durchsetzungsmechanismen und der Fähigkeit ab, Ressourcen zu mobilisieren.
Politische Massnahmen können die Resilienz der Gesellschaft stärken und die Vulnerabilität gegenüber Klimarisiken verringern. Dazu gehören zum Beispiel Massnahmen, die Innovationshemmnisse beseitigen und die Anpassungsfähigkeit verbessern, eine klimaresistente Infrastrukturplanung fördern und finanzielle und technische Unterstützung für konkrete Massnahmen bereitstellen.207 Auch diese Massnahmen hängen von einer ausreichenden Regierungsfähigkeit ab, einschliesslich der Zusammenarbeit auf zahlreichen Ebenen der Gesellschaft.208
Klare Ziele, sektorübergreifende Koordination und integrative Gouvernanz-Prozesse erleichtern wirksame Klimaschutzmassnahmen. Es hat sich gezeigt, dass Länder mit einem eigenen Klimaministerium ihre Klimapolitik effektiver umsetzen als diejenigen ohne.209 Ausserdem ist die Klimafinanzierung wirksamer in Ländern mit einer staatlich unterstützten Investitionsbank, die sich auf kohlenstoffarme Investitionen spezialisiert hat.210
Abbildung 12: Anzahl der Anpassungsmassnahmen pro umsetzenden Akteur. Die Grafik zeigt, wie viele in der Schweiz umgesetzte der geplante Anpassungsmassnahmen mit jedem Akteur in Verbindung stehen. Die Akteure entsprechen den Organisationen oder Instanzen, die die Massnahmen planen oder umsetzen (Risikokategorien nach Köllner et al.117 Daten basierend auf einer Datenbank des NCCS-Impacts Projekts «Kosten der Auswirkungen des Klimawandels in der Schweiz»).
3.1.3 Internationale Zusammenarbeit
Die internationale Zusammenarbeit hat zu verstärkten und beschleunigten Massnahmen zur Eindämmung des Klimawandels geführt.211 Auf globaler Ebene hat das Übereinkommen von Paris die weit verbreitete Festlegung nationaler Netto-Null-CO2-Ziele für die Mitte des Jahrhunderts gefördert. Ausserdem wurde 2024 an der COP29 in Baku entschieden, bis 2035 die Finanzmittel für Entwicklungsländer zu verdreifachen von bisher jährlich 100 Milliarden US-Dollar auf jährlich 300 Milliarden US-Dollar.212 Andere Formen der internationalen Zusammenarbeit, darunter transnationale Städtenetzwerke, regionale Partnerschaften, sektorale Vereinbarungen und Initiativen des Privatsektors, haben zugenommen, ihre Wirksamkeit ist jedoch umstritten.213
Das Übereinkommen von Paris zielt darauf ab, den weltweiten Klimaschutz durch internationale Zusammenarbeit zu stärken. Es sieht dafür verschiedene Instrumente vor – unter anderem Finanzhilfen für ärmere Länder, den Transfer von klimafreundlichen Technologien sowie den Aufbau von Fachwissen und institutionellen Kapazitäten.4 (Ch. 14) Zusätzlich erlaubt das Übereinkommen den Einsatz internationaler Marktmechanismen, wie etwa den Emissionshandel, um die Reduktion von Treibhausgasen effizienter zu gestalten.4 (Ch. 14) Viele wohlhabende Staaten – darunter Deutschland, Kanada und Japan – haben in diesen Bereichen bereits Massnahmen ergriffen, allerdings nicht in dem Umfang, der notwendig wäre, um die im Übereinkommen von Paris vereinbarte Begrenzung der globalen Erwärmung zu erreichen.214 Die Schweiz ist einer der wenigen Staaten, die einen Teil ihrer Emissionsziele durch Klimaschutzprojekte im Ausland zu erreichen plant und sich dafür Emissionsgutschriften anrechnen lassen will. Andere Akteure, wie die Europäische Union oder das Vereinigte Königreich, haben hingegen entschieden, ihre Ziele hauptsächlich mit inländischen Massnahmen erreichen zu wollen.O, 215
Obschon die internationale Klimafinanzierung ein wichtiger Bestandteil der internationalen Klimapolitik der Schweiz ist,216 wird öffentlich diskutiert, ob die finanziellen Verpflichtungen gegenüber dem globalen Süden vollständig erfüllt werden. Die Schweiz sowie andere wohl-habende Staaten werden dabei aufgefordert, ihre Rolle in der internationalen Klimafinanzierung weiter zu stärken und die zugesagten Mittel tatsächlich bereitzustellen.1 (A.4.5)
3.1.4 Verhaltensänderung
Kollektive Verhaltensänderungen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen bedingen sowohl die Bereitschaft und Motivation als auch die Fähigkeit der Bevölkerung zu ebendiesen Änderungen. Sie ergänzen klimapolitische Massnahmen auf der Angebots- und Nachfrageseite.217 Beispiele für angebotsseitige Massnahmen wären die Förderung von erneuerbaren Energien oder die Regulierung von Emissionen in der Industrie. Nachfrageseitige Massnahmenbeispiele sind die CO2-Bepreisung und Subventionen bei Gebäudesanierungen, Wärmepumpen oder Solaranlagen. Gleichzeitig haben kollektive Verhaltensänderungen häufig positive Effekte auf das kollektive Wohlbefinden (Co-Benefits), zum Beispiel durch unmittelbare Gesundheitsverbesserungen bei aktiver Mobilität oder einem vielfältigeren Speiseplan mit einem grösseren Anteil pflanzlicher Produkte.217
Verhaltenssteuerungen zeigen auch in der Schweiz Wirksamkeit, insbesondere grüne «Defaults» beim Bezug von Dienstleistungen oder Energie, d. h. Grundeinstellungen bei Wahlmöglichkeiten (Strom aus Erneuerbaren ist die Standardwahl; wer das nicht will, muss sich aktiv dagegen entscheiden). Eine weitere Option sind «Opt-out-Regelungen», d. h. die Möglichkeit des freiwilligen Verzichts auf gesetzliche Rechte zugunsten der Ökologie. Ein Beispiel dafür ist der freiwillige Verzicht auf einen Anwohnerparkausweis im Tausch gegen Carsharing- oder ÖV-Verbilligungen.218, 219
Verhaltensbasierte Erkenntnisse können auch jenseits von Konsumentenentscheidungen und durch systemisches Denken massgeblich zu Minderungs- und Anpassungsoptionen beitragen.220 Hierzu zählen klimafreundliche Regulierungen von Investitionstätigkeiten (z. B. Säule 3 nach Nachhaltigkeitskriterien) oder die bessere Einbindung der Verhaltenswissenschaften im Design von (Energie-)Märkten, damit sich dieses nicht strikt auf einen (nur theoretisch) stets eigennützigen und zweckorientierten Homo oeconomicus bezieht.
3.1.5 Synergien und Zielkonflikte mit nachhaltiger Entwicklung
Kurzfristig bestehen deutlich mehr Synergien als Konflikte zwischen Klimaschutzmassnahmen und den Zielen der nachhaltigen Entwicklung (SDGs).221 Viele klimapolitische Initiativen tragen dazu bei, Nachhaltigkeitsziele zu erreichen, während umgekehrt auch viele Nachhaltigkeitsmassnahmen den Klimaschutz unterstützen.222, 223 Diese gegenseitigen Vorteile (Co-Benefits) entstehen insbesondere durch die sinkenden Kosten erneuerbarer Energien und anderer kohlenstoffarmer Technologien, die deren breite Anwendung erleichtern.
Beispiele für solche Synergien sind die Bekämpfung von Armut (SDG 1) durch den Zugang zu dezentraler, erneuerbarer Energie, die Beendigung des Hungers (SDG 2) durch höhere landwirtschaftliche Produktivität und verbesserte Verarbeitung und Kühlung von Lebensmitteln, oder die Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden (SDG 3) durch aktive Mobilität und eine nachhaltige Ernährung. Auch nachhaltige Städte und Siedlungen (SDG 11) profitieren durch bessere Luftqualität und weniger Lärm, ebenso wie der Schutz von Landökosystemen (SDG 15) durch einen geringeren Brennholzverbrauch.221, 224 Gleichzeitig können jedoch in bestimmten Bereichen, etwa bei der Beendigung des Hungers (SDG 2) oder der Förderung von Wirtschaftswachstum (SDG 8), Zielkonflikte entstehen, wenn Klimaschutzmassnahmen kurzfristig mit anderen Entwicklungszielen konkurrieren.
3.1.6 Gerechtigkeit
Die Verursachung und die Folgen des Klimawandels sind ungleich verteilt und führen zu mehrfachen Formen von Ungerechtigkeit.225, 226, 227, 228 Diese zeigen sich zeitlich, da künftige Generationen deutlich stärkeren Risiken und Schäden ausgesetzt sein werden als die heutige Bevölkerung.1 Sie zeigen sich auch wirtschaftlich, weil wohlhabendere Menschen und Länder zwar mehr Emissionen verursachen, die sozial und wirtschaftlich schwächeren Gruppen jedoch stärker unter den Folgen leiden – sowohl in der Schweiz als auch auf globaler Ebene.229 Schliesslich bestehen geografische Ungleichheiten: Die Folgen des Klimawandels treffen insbesondere vulnerable Länder des globalen Südens deutlich härter als den globalen Norden,230 obwohl diese Länder historisch weniger zum Klimawandel beigetragen haben und auch in näherer Zukunft grösstenteils geringere Emissionen verursachen werden.231
Die Bewältigung des Klimawandels bringt «gemeinsame, aber unterschiedliche Verantwortlichkeiten» zum Tragen von Klimamassnahmenlasten mit sich. Unterschiedliche Gerechtigkeitstheorien kommen alle zum Schluss, dass reiche Länder und vermögende Individuen eine besonders grosse Verantwortung zur Emissionsreduktion tragen.232 In der politischen Debatte stehen oft die nationalen Emissionsreduktionen im Vordergrund, aus Gerechtigkeitsperspektive können jedoch auch andere Prioritäten im Vordergrund stehen,227, 228, 233 wie die Ermöglichung einer emissionsfreien Entwicklung armer Länder,234 die Unterstützung möglichst selbstständiger Anpassungsmassnahmen235, 236 oder die angemessene Entschädigung für Klimaschäden und -verluste.237
Dabei werden diese Forderungen entweder mit Blick auf den Beitrag zum Klimawandel, den damit einhergehenden Nutzen oder die Leistungsfähigkeit gerechtfertigt.233, 238 Mit Blick auf die Leistungsfähigkeit trägt die Schweiz als reiches Land eine besonders grosse Verantwortung.

Abbildung 13: Verschiedene Generationen werden den Folgen des Klimawandels unterschiedlich stark ausgesetzt sein.4
3.1.7 Migration
Die meisten direkt durch den Klimawandel verursachten Vertreibungen finden zurzeit über kurze Distanzen statt. Zudem kehrt ein Grossteil der Opfer nach einer gewissen Zeit in deren Heimat zurück.4, 108 Ein Zustrom von «Klimaflüchtlingen» in die Schweiz ist unwahrscheinlich. Vertriebene Personen verfügen häufig nur über begrenzte finanzielle Mittel und Ressourcen, was eine Flucht in weiter entfernte Länder erschwert. Indirekte Auswirkugen des Klimawandels auf die Weltwirtschaft und allenfalls auf bestimmte Konflikte könnten jedoch den Migrationsdruck erhöhen.4, 108
Nichtsdestotrotz kann die Mobilität der Bevölkerung eine Anpassung an den Klimawandel darstellen.239 Menschen sind umso verwundbarer, je mehr sie durch politische Barrieren oder Ressourcenmangel an der Migration gehindert werden. Die Einführung eines koordinierten internationalen Migrationsmanagements kann daher dazu beitragen, die Folgen des Klimawandels abzumildern.240 (Ch. TS.D.8.6)
3.1.8 Kommunikation
Die klare Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer (73 %) anerkennt den vom Menschen verursachten Klimawandel als Tatsache,241 ist besorgt und bereit, einen Beitrag zu leisten, um den Klimawandel zu bekämpfen.242 Allerdings besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen den Einstellungen und den Verhaltensweisen der Schweizerinnen und Schweizer.241 Kommunikation kann dabei helfen, diese Kluft zu verkleinern.
Für eine effektive Kommunikation spielen Absender, Kanäle und Botschaften eine wichtige Rolle:
- Klimawissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, Wetterberichte im Fernsehen, Familie und Freunde sowie Umweltorganisationen gehören zu den Quellen, denen bei Informationen zum Klimawandel in ähnlichen Ländern am meisten vertraut wird (wie beispielsweise in Spanien, in den Niederlanden, Grossbritannien oder Deutschland).243
- Um das öffentliche Verständnis des Klimawandels zu verbessern, hilft der Einsatz von einfachen und klaren Botschaften mit vielen Wiederholungen und vertrauenswürdigen Kommunikatorinnen und Kommunikatioren.244
- Abstrakte Botschaften und globale Beschreibungen zum Klimawandel sollten mit nationalen, regionalen und lokalen Kontexten verbunden werden.245 Dabei können u. a. Erzählungen und Geschichten,246 Metaphern bzw. bildliche Vergleiche247 und aussagekräftige Visualisierungen248, 249 wirkungsvoll sein.
- Um effektiv mit verschiedenen Publikumsgruppen zu kommunizieren, sollte Kommunikation zudem an die klimabezogenen Einstellungen dieser Gruppen angepasst werden. Vorschläge zur Differenzierung von Publikumsgruppen liegen für zahlreiche Länder vor und beschreiben meist ein Spektrum von den «Alarmierten» und «Überzeugten» bis zu den «Zweifelnden» und «Ablehnenden».250, 251, 252